»Wie schreiben Sie eigentlich … Angelika Klüssendorf?«

AF_Angelika_Kluessendorf

© Alex Reuter

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute lebt sie in Berlin. Sie veröffentlichte unter anderem die Erzählungen Sehnsüchte und Anfall von Glück, den Roman Alle leben so, die Erzählungsbände Aus allen Himmeln und Amateure sowie den Roman Das Mädchen, der 2011 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Soeben hat Angelika Klüssendorf mit dem Roman April die Geschichte ihrer jungen Heldin aus Das Mädchen fortgeschrieben. Die Jury der SWR-Bestenliste hat April auf die März-Bestenliste gewählt.

Wir haben mit Angelika Klüssendorf über das Schreiben gesprochen und Interessantes erfahren über das Entzücken und Grausen, über notwendige Härten, das Loslassen und einen eventuell dritten Roman über das »Mädchen April«. Das Interview führte Isabel Bogdan (Übersetzerin, Autorin und Bloggerin).

 

»Tricks sind Worte, Sprache, indem das zu Beschreibende verschwindet und dann pur wird«

Bei der Lesung im Hamburger Literaturhaus [am 12. Februar 2014] hast Du gesagt, Dein erster Entwurf neige oft zu Kitsch, den Du dann beim Überarbeiten wieder rausstreichst. Wie umfangreich ist denn dieser „erste Entwurf“ – ist das schon das komplette Buch, oder geht es da um ein paar Seiten, um den Anfang, und darum, erstmal einen Ton zu finden?

Der erste Entwurf der ersten Seite ruft fast sowas wie Entzücken hervor, wenn sie fertig ist. Doch dann kommt der nächste Tag, und ich lese den Text erneut und stelle mit Grausen fest, dass ich noch sehr viel Arbeit vor mir haben werde. Dann setzt Ernüchterung ein, und die eigentliche Arbeit: Satz für Satz überprüfen, Wort für Wort: wie ist die Entsprechung der Sprache für die Geschichte, Personen etc. Irgendwann ist die erste Fassung fertig und schon wieder bin ich frohgemut – dann sagt der Lektor mir vorsichtig die Meinung, und der nächste Arbeitsblock beginnt; es gibt hunderte Seiten, die in den Papierkorb wandern, und etliche Fassungen, ehe das Buch steht.

Empfindest Du das eher als frustrierend oder als beglückend, weil es immer besser wird? Tut es weh, Seiten zu löschen? Und bist Du am Ende zufrieden?

Es ist sehr mühsam, und ich empfinde die Änderungen als notwendige Arbeit. Um die gelöschten Seiten tut es mir gar nicht weh, es bleibt ja die endgültige, fertige Seite, die später im Buch sein wird. Ehe ich nicht zufrieden bin, gebe ich natürlich nichts aus der Hand.

Was genau steht denn fest, wenn Du anfängst – die Figuren? Eine ungefähre Storyline, oder plottest Du es vorher ganz durch? Oder ergibt sich das alles beim Schreiben?

Die Figuren sind da. Und eine Art Aura der Figuren. Und ich weiß im Großen und Ganzen, wo ich hinwill. Aber der eigentliche Text ergibt sich aus dem zuvor Geschriebenen. So ändere ich vielleicht das erste Kapitel, auf Grund des Verlaufs des vierten Kapitels.

Erleichtert es die Sache, wenn, wie jetzt bei „April“, der Charakter und die Vergangenheit der Protagonistin schon feststehen?

Einerseits ja, weil ich die mir vertraute Person fortschreiben konnte. Doch es war schwierig für mich, aus dem Mädchen eine junge Frau entstehen zu lassen, mit der ganzen Eigenverantwortlichkeit, das ein Erwachsenenleben fordert.

Aber gerade dieses Ringen um Eigenverantwortlichkeit und eigene Lebensgestaltung ist so wunderbar gelungen. Wie April immer wieder versucht, ein geregeltes Erwachsenenleben zu führen, und dabei immer wieder scheitert, und es immer wieder neu versucht. Du hast gesagt, April sei keine besonders liebenswerte Person – mir ging es beim Lesen gerade andersrum, ich war wahnsinnig beeindruckt von ihr, wie sie es nach dieser ausgesprochen beschissenen Kindheit doch immer wieder schafft, nicht komplett abzustürzen. Insgesamt fand ich „April“ deutlich hoffnungsvoller als „Das Mädchen“. Weißt du schon, ob es in diese Richtung weitergeht? Oder ist das noch ganz offen?

Das freut mich, dass April bei Dir so ankommt, aber es hat mich Mühe und Überwindung gekostet, sie so hart darzustellen, aber gerade diese Härte ist ja der Figur geschuldet. Ich hoffe, einen dritten Teil zu schreiben, aber das liegt noch in weiter Ferne, auf jeden Fall muss April lernen, wer sie ist, lernen, inne zu halten, auch wenn sie es nie schaffen wird, ganz „da“ zu sein, aber ein Stück weit.

Diese „Härte“ empfand ich eher als einen Selbstschutz der Figur, der mal besser, mal schlechter funktioniert. Wahrscheinlich kann man so etwas nicht ohne Schmerzen schreiben, sonst würde es nicht funktionieren. Hast Du irgendwelche Tricks, um Dich beim Schreiben nicht zu sehr runterziehen zu lassen von all dem Harten und Unschönen?

Tricks sind Worte, Sprache, indem das zu Beschreibende verschwindet und dann pur wird. Trotzdem habe ich bei April oft gedacht, vor allem, wenn es um ihren Sohn Julius geht: Nein, das will ich nicht schreiben, das ist zu hart, habe es dann aber doch geschrieben, weil es notwendig war.

Wenn Du dann fertig bist und das Buch gedruckt ist, bist Du dann auch innerlich fertig mit dem Thema, mit den Figuren? Kannst Du dann loslassen?

Ich versuche immer, schon bevor das Buch gedruckt ist, an einem neuen Stoff zu arbeiten. So fällt mir das Loslassen leichter, und ich halte mich in einem neuen Kosmos auf, der mich ganz und gar fordert, auch wenn ich nicht am Schreibtisch sitze.

Ich bin sehr gespannt auf den neuen Kosmos. Vielen Dank, Angelika Klüssendorf!

Eine Antwort auf “»Wie schreiben Sie eigentlich … Angelika Klüssendorf?«”

Kommentar schreiben