»Wie schreiben Sie eigentlich … Wolfgang Schorlau?«

© Bettina Fürst-Fastré

© Bettina Fürst-Fastré

Wolfgang Schorlau lebt und arbeitet als freier Autor in Stuttgart. Neben den »Dengler«-Krimis »Die blaue Liste« (KiWi 870), »Das dunkle Schweigen« (KiWi 918), »Fremde Wasser« (KiWi 964), »Brennende Kälte« (KiWi 1026), »Das München-Komplott« (KiWi 1114), »Die letzte Flucht« (KiWi 1239) und soeben »Am zwölften Tag« (KiWi 1337) hat er den Roman »Sommer am Bosporus« (KiWi 844) veröffentlicht und den Band »Stuttgart 21. Die Argumente« (KiWi 1212) herausgegeben. 2006 wurde Wolfgang Schorlau mit dem Deutschen Krimipreis und 2012 mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet.

»Ich sehe, rieche und höre die Geschichte beim Schreiben«

In seinem siebten Dengler-Roman »Am zwölften Tag« greift Wolfgang Schorlau einen brisanten Fall auf. Im Interview mit DB mobil spricht er über das Glück, das er beim Schreiben empfindet, und erklärt, warum Kriminalromane so beliebt sind.

Essen Sie eigentlich noch Fleisch?

Ich bin im Hunsrück aufgewachsen. Dort wurde an jedem Wochenende Spießbraten über offenem Feuer gedreht. Ich bin mit enormem Fleischkonsum aufgewachsen. Aber nachdem ich zwei Jahre lang über Methoden der Fleischindustrie recherchiert habe, mache ich einen großen Bogen um die Fleischtheken und Tiefkühltruhen der Supermärkte. Ich fürchte, dass dieses Fleisch hochgradig mit Keimen verseucht ist. Und ich weiß nun, dass die Haltung dieser Tiere von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Tag Tierquälerei bedeutet.

Können Sie uns das Geheimnis des gegenwärtigen Krimibooms erklären?

Der Kriminalroman verspricht am ehesten, was wir von Literatur im Allgemeinen und vom Leben im Besonderen erwarten: Spannung. Er hat die Genregrenzen längst verlassen, ist heute der Gesellschaftsroman. Nebenbei hat er dem aus der Mode gekommenen Heimatroman zu neuer Blüte verholfen. Und, wenn Sie an Donna Leon und die bretonischen Krimis von Jean-Luc Bannalec denken, auch den Reiseroman alter Prägung ersetzt und modernisiert.

Dem Kriminalroman haftet aber immer noch der Geschmack des literarisch Minderwertigen an.

Das hat schon früher nicht gestimmt. Denken Sie an Friedrich Dürrenmatt, Pa­tricia Highsmith oder Graham Greene. Don Winslow, einer der ganz großen heutigen Krimiautoren, braucht literarisch den Vergleich etwa mit Gabriel García Márquez nicht zu scheuen – beide schreiben große Epen. Es ist schön zu sehen, dass die Leser diesem Vorurteil nicht mehr länger folgen.

Trotzdem kommt im Feuilleton der Kriminal­roman nur ausnahmsweise vor.

Leider erachten die meisten Literaturkritiker und -kritikerinnen Langeweile als ein entscheidendes ästhetisches Merkmal. Sie sind darin dem schlechten Deutschlehrer verwandt, der den Kindern mit Wilhelm Tell und Michael Kohlhaas die Freude am Lesen austreibt. Bedauerlicherweise ist nicht abzusehen, wann die Literaturkritik sich zum Niveau der Leserschaft hochgearbeitet haben wird. Macht aber nichts – wir Autoren von literarischen Kriminalromanen kommen auch ganz gut ohne sie aus.

Wie entstehen Ihre Romane, wie schreiben Sie?

In der Vorbereitung heißt es Nachdenken über Plot, Spannungsbögen und Figurenentwicklung. Skizzenhefte füllen sich. In ihnen erhalten Nebenfiguren Aussehen und Charakter, Schauplätze Raum und Form und Dialoge Spannung und Witz. Doch wenn ich vor dem Computer sitze und die ersten Buchstaben auf dem Bildschirm flimmern, scheint es, als seien die Vorarbeiten vergessen. Ich versinke in der ausgedachten Geschichte wie in einem Traum.

Wie kann man sich das vorstellen? Geraten Sie in  eine Art Trancezustand?

Tatsächlich »sehe« ich während des Schreibens den Ort, rieche seine Düfte oder seinen Gestank, höre Verkehrslärm oder Liebesgeflüster und empfinde Sympathie, Hass oder Argwohn gegenüber den auftretenden Personen. Ich träume den Fortgang der Geschichte, und manchmal bedaure ich, dass ich sie mitschreiben, gewissermaßen stenografieren muss. Häufig kann ich den Gedanken und Bildern nicht schnell genug folgen. Der erste Entwurf sieht daher löcherig aus wie ein überstrapazierter Putzlappen, Buchstaben und ganze Wörter fehlen, und das Korrekturprogramm überschwemmt den Bildschirm in einer Orgie aus Rot. Dieses Träumen in der selbst ausgedachten Geschichte ist die beglückendste Erfahrung meines Autorendaseins. Ich erlebe den vorweggenommenen fiktionalen Traum, den ein Buch beim Leser erzeugt, vorausgesetzt, es ist gut geschrieben.

3 Antworten auf “»Wie schreiben Sie eigentlich … Wolfgang Schorlau?«”

  1. eckhard am :

    Hallo herr Schorlau,
    schon nach dem zweiten vom zwölften der tag überlege ich ernsthaft vom werktagsvegetarier zum veganer zu werden.
    Beim lesen drängte sich mir ein weiterer gedanke auf: Wer so schreibt…
    Das muss doch jemand sein, der die marxistische dialektik bewusst anwendet: Die Widersprüche in den dingen selbst aufspürt und aufdeckt. Wie ich es lernte aus „Über den Widerspruch“ von Mao, den seinerzeit auch der große meister Brecht zur grundlage vieler Stücke machte.
    mfg
    e.franke

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