»Wie schreiben Sie eigentlich … Alina Bronsky?«

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© Bettina Fürst-Fastré

Für ihren Debütroman »Scherbenpark« erhielt Alina Bronsky 2008 großes Kritikerlob. »Scherbenpark« wurde zum Bestseller, Alina Bronsky zur »aufregendsten Newcomerin der Saison« (Der Spiegel). Ihr zweiter Roman »Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche« erschien 2011 und war ebenfalls ein Kritikererfolg und Bestseller. »Scherbenpark« ist inzwischen beliebte Lektüre im Deutschunterricht und wurde gerade fürs Kino verfilmt. Die hoch produktive Alina Bronsky hat sich in den letzten Jahren zudem erfolgreich als Jugendbuchautorin etabliert. Ihre Romane erscheinen mittlerweile in 15 Ländern. In diesem Herbst ist ihr neuer Roman »Nenn mich einfach Superheld« bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Ein guter Anlass, um mit Alina Bronsky einmal über Romanfiguren in extremen Lebenslagen und das Entstehen ihrer Bücher, über Übersetzungen und Literaturverfilmungen zu reden. Das Interview führte Isabel Bogdan (Übersetzerin, Autorin und Bloggerin).

 

Du schreibst gern über Jugendliche in extremen und unschönen Lebenslagen. Die Mutter von Sascha in „Scherbenpark“ wurde von ihrem Exfreund erschossen, die Frauen in den „Schärfsten Gerichten“ werden komplett aus ihrer Lebensbahn geschleudert, und jetzt in „Nenn mich einfach Superheld“ kommt Marek, dem von einem Kampfhund das Gesicht zerbissen wurde. Hast du sowas wie eine wiederkehrende Quelle als Anregung für die Kerngeschichte? Nimmst Du beispielsweise Zeitungsmeldungen als Grundlage? Oder woher kommen diese krassen Ausgangssituationen?

Alina Bronsky: Jede Geschichte kommt auf ihrem eigenen Weg. Vor Scherbenpark gab es in der Tat einen Mord unter Russlanddeutschen, wie ich ihn später im Roman beschrieben habe, in einer ähnlichen Form in der Stadt, in der ich damals gelebt hatte. Eine Mutter – allerdings von fünf Kindern – wurde im Treppenhaus ihres Hochhauses von ihrem Ex-Mann getötet, leider eine klassische Beziehungstat. Über die Kinder dieser realen Frau weiß ich allerdings nichts. Die Ereignisse in den „tatarischen Gerichten“ sind in der Mehrzahl auch erschreckend realistisch, da schöpfte ich aus dem Fundus des Gehörten und Beobachteten. Und bei Marek ging es mir eigentlich am wenigsten um den Kampfhund-Angriff, sondern um das Selbstbild hinterher. Denn es ist ja nicht eindeutig, wie entstellt Marek wirklich ist. Vielleicht ist alles gar nicht so schlimm.

Stimmt, aber es dauert eine Weile, bis man das kapiert. Und wenn Du die Grundsituation hast, gehst Du dann nach einer gleichbleibenden Methode vor? Entwickelst Du beispielsweise erst die Figuren, oder plottest Du vorher alles durch, oder schreibst Du drauf los und guckst mal, was passiert?

Eigentlich versuche ich überhaupt nicht zu schreiben, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Die besten Geschichten – das sind die, die in der Regel auch veröffentlicht werden – entwickeln sich bei mir meist irgendwo im Hinterkopf, ohne dass ich da irgendetwas bewusst unternehme. Manchmal sind sie über die Jahre dabei. Wenn ich das Gefühl habe, jetzt muss es aber echt raus, schreibe ich drauf los. Meist haben die Figuren, zumindest die Hauptfigur, da bereits Gestalt angenommen und Ansätze der Handlung sind auch schon da. Oder auch nur das Ende. Jeder Versuch zu plotten, oder was richtige Autoren sonst so machen, ist bei mir immer gescheitert.

Die Annahme, man sei eigentlich gar keine „richtige Autorin“ scheint mir einigermaßen verbreitet zu sein, aber jeder arbeitet eben individuell. Solange stimmige Bücher dabei herauskommen, gibt es ja kein „richtiges“ und „falsches“ Vorgehen. Auch so ein Ding: Manche Autoren schreiben lieber erstmal viel, schaffen eine Menge Strecke, und löschen dann auch mal zwanzig oder hundert Seiten, weil sie sich vergaloppiert haben; andere kommen sehr viel langsamer voran, aber was sie geschrieben haben, steht dann auch da. Es wird natürlich überarbeitet, auch mal hier und da ein Absatz gestrichen, aber nicht solche Mengen. Wie machst Du das?

„Keine richtige Autorin“ – stimmt, ich sag’s nie wieder! Wenn ich schreibe, dann eher schnell und viel am Stück. Wenn es grad nicht läuft, lass ich es lieber für den Moment ganz und setz mich ein andermal wieder dran. Beim Überarbeiten kürze ich vor allem. Manchmal auch viele Seiten am Stück.

Wenn ein Buch dann fertig ist, kannst Du gut loslassen? „Scherbenpark“ wurde gerade verfilmt (Gut geworden?), deine Bücher wurden auch in mehrere Sprachen übersetzt. Hast Du da das Grundvertrauen, dass Übersetzer und Filmemacher das schon richtig machen, oder ist es eher beängstigend, den eigenen Stoff aus der Hand zu geben? Arbeitest Du an Übersetzungen und Verfilmungen mit, wie ist der Kontakt?

Mein Kontrollbedürfnis ist in der Hinsicht nicht sehr ausgeprägt. Tippfehler in der deutschen Ausgabe würden mich schon ärgern. Bei jeder Weiterverwertung (klingt furchtbar, das Wort) bin ich dagegen nicht einmal besonders neugierig, wie das geworden ist. Meistens bin ich da schon mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Aber „Scherbenpark“ als Film ist schon klasse geworden. Aufgrund eines kleinen Kommunikationsfehlers hatte ich mit der Verfilmung nichts zu tun. Das hat ihr aber nicht geschadet. Übersetzer fragen dagegen immer wieder nach, wie ich dies oder das gemeint haben könnte. Manchmal muss ich sogar ziemlich lange grübeln, bis ich weiterhelfen kann.

Hihi, woher soll man auch immer wissen, was man meint? Und vielleicht stimmt es ja, dass niemand so gründlich liest wie die Übersetzer, nicht mal die Autoren oder die Lektoren. War es jetzt beim aktuellen Buch eigentlich ungewohnt, aus der Perspektive eines Jungen zu schreiben, nachdem Du sonst immer Frauen- oder Mädchenperspektiven hattest?

Dass die Übersetzer am gründlichsten lesen, stimmt meiner Erfahrung nach absolut! Ich konnte es mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, mal eine andere Perspektive als die einer Frau einzunehmen. Und dann passierte es von alleine – Marek, mein „Superheld“, ist ja sowas von eindeutig ein Kerl. Da ich das Gefühl habe, dass ich die Charaktere nicht konstruiere, sondern sie einfach zu mir kommen, entstand der Roman dann auch ganz selbstverständlich aus der Sicht eines Jungen.

Das sind ja meistens die besten Dinge, die einfach von allein passieren. Vielen Dank, Alina!

 

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