Laudatio auf Helge Schneider

Ein Mensch als Jazz

Im August 2006 wird der Musiker, Kabarettist, Filmemacher, Zeichner und nicht zuletzt erfolgreiche Buchautor Helge Schneider mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft seiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr ausgezeichnet. Und Namensvetter und Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow hält die Laudatio:

Lieber Helge Schneider,
sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin (Dagmar Mühlenfeld),
meine Damen und Herren!

Den Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft, den es, wie ich höre, seit 1962 gibt, erhält in diesem Jahr Helge Schneider, weil – wie es in der Preisbegründung heißt – es sich bei ihm um eine Person handelt, die »geeignet erscheint, durch sein Schaffen das Ansehen der Stadt Mülheim an der Ruhr zu stärken«.

Meine Damen und Herren, das kann man wohl sagen. Helge Schneider ist durch sein Schaffen sogar äußerst geeignet, das Ansehen des gesamten Landes zu stärken, und mit Land meine ich nicht das Land Nordrhein-Westfalen, zu dem Mülheim an der Ruhr ja gehört, sondern das ganze große Deutschland, das zu Europa gehört und das sich seit vielen Jahrhunderten etwas auf seine Kultur einbildet.

Die Kultur eines Landes setzt sich aus vielen Leistungen zusammen, musikalischen, architektonischen, literarischen oder theatralischen. Aus verschiedenen Gründen besitzt die deutsche Kultur, die überall in der Welt ein hohes Ansehen genießt, eine kleine, aber unangenehme Schieflage – es geht zu ernst in ihr zu. Wir sind Weltmeister der Tragödie, der Moralphilosophie, des Pathos, der Ernsthaftigkeit, der Sinnstiftung, der Pädagogik, der schweren Stiefel, – von Nibelungenlied bis Bayreuth, von Hölderlin und Thomas Mann bis Peter Handke und Botho Strauss.
Das Lustige, Unterhaltsame, der Witz, das Lachen wurde und wird eher nach unten weitergereicht – auf die Kirmes, in die Kneipe, zur Kleinkunstbühne, zu RTL oder jüngst in die so genannte »Spaßgesellschaft«.

Bei Schiller und Goethe gibt es im Gegensatz zu Shakespeare keine Clowns. Und die paar Gegenbeispiele sind entweder Österreicher wie Nestroy oder Juden wie Billy Wilder, der aus gewissen Gründen seine Filmkomödien lieber in anderen Ländern gedreht hat.

Sie hören schon, ich gehe ziemlich hoch ran. Aber ich habe nicht viel Zeit, warum drum herum reden: Ich sehe Helge Schneider in einem Club mit Chaplin, mit Grog, mit Keaton, von mir aus mit Erich Kästner, mit Loriot, mit Heinz Erhard, mit Roberto Begnini oder Monty Python. Ähnlich wie bei Monty Python kommt bei Helge Schneider alles aus der Musik, genauer gesagt bei Helge Schneider aus dem Jazz, d.h. aus der Improvisation, d.h. aus dem Risiko (auch des Scheiterns) d.h. aus der Freiheit. Alles. Seine Bücher. Seine Filme. Seine Hörspiele. Seine Bühnenshow. Seine Zeichnungen. Seine Texte. Seine Plakate. Sein Musical. Seine Hörbücher. Seine genialen Titel. Seine Fotos. Seine Schauspielkunst. Seine Drehbücher. Seine Kalender. Die etwas unfassbare Vielfalt seines Tuns kommt mir übrigens immer wieder wie eine schallende, aber hilfreiche Ohrfeige gegen das total bescheuerte Spezialistentum unserer Tage vor. Jeder ist auf einer Miniinsel Experte (Rhabarberzüchtung), weigert sich aber, auf allen anderen Gebieten mitzudenken und Verantwortung zu übernehmen (Tulpenzucht), weil er kein Dilettant sein will.

Helge Schneiders Ausstoß ist überbordend:
8 Bücher. Demnächst erscheint das 9. (Anm. d. Red.: Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas, November 2006)
13 Schallplatten und CDs.
4 Filme, demnächst ein weiterer, über den Sie staunen werden und in dem er nicht selbst Regie führt, sondern nur die Hauptrolle spielt. Aber was für eine. (Anm. d. Red.: Mein Führer- Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler. Regie: Dani Levy)
Dazu 1 Musical, 1 Theaterstück.
Unzählige Tourneen, die mittlerweile ineinander übergehen, wie bei Bob Dylans »never ending tour«.

Ein Mensch als Jazz. Wie sähe eigentlich ein Mensch als Schlager aus? Oder als Kirchenmusik? Wenn Sie sich die Hunderte von Interviews , die mit ihm geführt wurden – übrigens noch eine eigene Kunstform, die er perfekt beherrscht, so wie einst Heiner Müller –, die Hunderte von Artikeln, die oft die besten Feuilletonisten des Landes über ihn geschrieben haben und die im übrigen oft ausgesprochen intelligent und treffend sind, weil das Objekt so offensichtlich inspirierend ist, dann geben Sie es auf, selbst die 253. Erklärung dafür zu finden, was – wie man so schön sagt – Helge Schneider ausmacht. Er ist ein großer Künstler und deswegen bleibt er ein Geheimnis, immer wenn man seine Arbeit mit einem Begriff in die Zange nimmt, ist es schon falsch. Nur Schubladengeklapper: Das Gesamtkunstwerk. Der Kabarettist. Der Comedien. Der Parodist. Der Komiker. Der Entertainer. Der Subversive. Der Hofnarr. Der Neo-Dadaist.

Trotzdem macht man sich auf die Suche nach dem Geheimnis. Manche Dinge sind ja klar: Er ist ein großer Musiker. So was kann man wahrscheinlich sogar messen. Nicht nur an der Zahl der Instrumente, die er spielt. Er hat ein ganz ganz seltenes Ohr und Auge für Rhythmus. Wann ist ein Satz zu Ende. Eine Szene. Ein Wort. Wie lange muss eine Pause sein, wann geht es wieder los. Wann fehlt ein Strich. Wann ist Tempo nötig, wann langsames Kriechen. Er hat ein prima Gedächtnis. Er ist brutal ehrlich – immer ein untrügliches Zeichen für einen großen Künstler (oder einen Heiligen).

In seinem Buch Globus Dei erwähnt Helge Schneider eine 15 Watt-Birne, mit der man Dinge, die sonst im Dunkeln liegen, sieht – z.B. einen Globus, also die Welt. Das ist eine schöne Metapher für die Erkenntnisleistung der Kunst. Darum geht es ja immer: Die Künstler untersuchen mit ihren Methoden – mit Liedern, Romanen, Bildern oder Theaterspielen – die Welt. Damit kriegen sie oft etwas raus, was wir vorher nicht wissen: Wie Kriminalkommissare. Künstler sind unkonventionelle Kriminalkommissare. Daher gibt es ja schon 5 Bücher über den Kommissar Schneider. Und auch dieser Kommissar kriegt viel raus. Aber leider: vieles auch nicht, weil er so blind ist wie wir alle und manchmal noch blinder. Imanuel Kants Laterne, mit der er die menschliche Vernunft verglichen hat, hat eben manchmal nur eine 15-Watt-Birne. Aber immerhin.

Und hier meine (nicht exklusive) Entdeckung, was das Rätsel Helge Schneider betrifft: Man kann ruhig das, was er sagt – auch wenn er Quatsch macht und wenn er über– oder untertreibt, weil er eben ein umwerfender Spieler ist – erstmal getrost für bare Münze nehmen. Wenn er sagt, dass er mit diesem Lied über Möhrchen etwas gegen Drogen unternimmt, ist das auch so. Oder wenn er in seiner Show den Lehrling zum 92. Mal bestellt, um einen Schluck Tee zu bekommen, dann will er auch zum 92. Mal Tee trinken. Und wenn er sehr lustig sauer ist, weil das Mikro nicht funktioniert, ist er trotzdem wirklich sauer. Und wenn man das nicht merkt, ist er plötzlich weg und der Veranstalter kratzt sich am Kopf.

Ich fände es gut, einmal ein Buch zu machen- hier spricht ein Verleger –, in dem nur Sätze von Helge Schneider drinstehen, die er irgendwo gesagt hat, so eine Art »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« der Gegenwart:
»Die Menschen sind überall gleich, sie haben die gleichen Sorgen wie überall.« (Deswegen ist er übrigens in Mülheim geblieben!)
»Ruhig etwas dem Zufall überlassen.«
»Planung ist Scheiße, Überraschung ist gut.«
»Ich habe keinen Stil.«
Bei Beziehungskrisen: »Es ist doch ganz einfach: wenn man sich liebt, dann liebt man sich sowieso. Und wenn nicht, dann liebt man sich sowieso nicht.«
Oder: »Außer bei mir zu Hause ist es sowieso überall wie in Amerika.«
»Ich empfinde meine eigene Welt als real. Hinzu kommt, dass ich die reale Welt eigentlich gut finde. Ich nehme sie an.«

Zum Schluß vier Gedanken über Helge Schneider, die ich schon immer mal mitteilen wollte und hier nun die Gelegenheit da ist:

1. Die für mich beste Filmszene, die Helge Schneider je gespielt hat, stammt aus Jazzclub und zeigt, wie er als Zeitungsausträger an einem grauen Morgen im strömenden Regen die durchnässten Zeitungen in die Schlitze der Briefkäsen quetscht. Immer weiter. Immer weiter. Ist ja sein Beruf. Kein Mensch kann die Matsche mehr lesen. Es ist zum Totlachen, und es ist unfassbar traurig. Da ist alles drin, was man über unser manchmal so beschissen vergebliches Leben sagen kann, und die Qual ist sogleich durch den Witz und die Übertreibung überwunden.

2. Der beste Buchtitel aller Zeiten ist Eiersalat, eine Frau geht seinen Weg

3. Wenn man das Glück hat, Helge zu kennen, fällt einem auf, dass er nicht stillsitzen kann. Am Anfang dachte ich immer: Wir haben das und das zu besprechen, setzen wir uns mal an den Tisch und sprechen darüber. Er sprang aber immer auf, ging hin und her, wollte Tischtennis spielen, noch mal eben in die Stadt fahren und mir mit dem Trecker den Garten zeigen, mal eben die Fotos abholen usw. Am Anfang kam ich mir immer ein bisschen doof vor, bis ich merkte, dass wir in Bewegung immer alles viel besser und schneller hinbekamen und nebenbei schöne Entdeckungen machten, irgendwas sahen, das man gleich mit einarbeiten konnte oder auch nicht….
Irgendwo habe ich gelesen, dass dieses Verhalten, zu dem auch seine berühmten 27 Peugeots gehören, in seiner Jugend als eine psychische Störung namens »Wandertrieb« diagnostiziert wurde (entweder von einem Arzt oder von der Oma, weiß ich nicht mehr). Ich aber habe dabei begriffen: Auch ich will ja überhaupt nicht immer sitzen. Wer hat uns eigentlich beigebracht, ständig zu sitzen. Festzusitzen. Esstisch. Schreibtisch. Sitzecke. Sofa. Die Neugierde abzustellen. Die frische Luft abzustellen.

4. In der Eisdiele Agnoli in der Fußgängerzone von Mülheim an der Ruhr ist uns einmal der Titel für ein Buch eingefallen, weil die drei Kugeln Eis, die ich gerade aß, so gut schmeckten: »Aprikose, Banane, Erdbeer«. So ist das, wenn das Essen in die Kunst wandert. Marcel Proust ist ähnliches mit einer Art Brötchen passiert, der Madeleine. Das war sein Auslöser für das dicke Buch Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Er war ein großer Künstler.

Auch Helge Schneider ist ein großer Künstler, dem wir viel verdanken. Wer ist »Wir«? Die Künstler, mit denen er arbeitet und für die ich hier einfach mal mitspreche. Die vielen Leute, die ihm helfen, seine Ideen in die Welt zu tragen, die dadurch reich beschenkt werden. Und vor allem sein Publikum, das ihn zu Recht liebt.

Mit anderen Worten: Der Ruhrpreis ist mehr als verdient. Gratulation!
Und Gratulation an Mülheim zu dieser Preisentscheidung – gut gemacht! Viel besser als letztens nach Düsseldorf….

Helge Malchow
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Köln, den 28. August 2006

© Kiepenheuer & Witsch. Alle Rechte vorbehalten.


Globus Dei

Helge Schneider

Globus DeiVom Nordpol bis Patagonien. Ein Expeditionsroman

Broschur, Erscheinungsdatum: 25.05.2005

Helge war weit weg. Jetzt hat er viel zu erzählen.

Große Überraschung: Helges achtes Buch ist ein Reiseroman, eher sogar: ein Expeditionsroman.

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