Im Porträt:

Bastian Sick

Haben Sie heute schon gehunken?

Bastian Sick

Bastian Sick kennt die Fallstricke der verflixt schwierigen deutschen Sprache. Die abstrusesten Verrenkungen sind ihm nicht fremd. Er ist der freundliche Deutschlehrer der Nation. Sein Sprachwissen verpackt er in humoristische Anekdoten und wird deshalb gemocht.

Ein Porträt von Jörn Lauterbach

Es gibt Momente, da verstummen die Leute, wenn sie Bastian Sick sehen. Oder sie sprechen nur noch einfache Sätze. Subjekt, Prädikat, Objekt, bloß kein Relativsatz oder eine unsichere Präposition.

Andere Menschen sind betont offen, erzählen frei heraus, dass sie nie wissen, ob es nun »Im Herbst diesen Jahres« oder »Im Herbst dieses Jahres« oder »wohlgesinnt« oder »wohlgesonnen« heißt.

Bastian Sick ist ein freundlicher Mensch, er hat nichts Verbissenes oder Strafendes; deswegen nimmt er den ersten ihre Scheu und antwortet den zweiten gern. Sein Thema ist ein Kulturgut, das in Regeln formuliert und in Nachschlagewerken abgedruckt ist, das aber trotzdem nicht kühl und unnahbar, sondern sehr emotional ist: die Sprache. Genau genommen: die verflixt schwierige deutsche Sprache.
In und mit ihr kann geliebt und gehasst, getadelt und gelobt, gesungen und gedichtet werden; sie ist ein Ausweis des Lebens. Dialekte und Schichtsprachen, schnoddrige Jargons und hohe Literatur, alles ist möglich, aber nicht alles ist erlaubt.
Sick kennt die Regeln, die Fallstricke, die abstrusesten Verrenkungen und den oft fatalen Hang, sich durch Sprache moderner wirken zu lassen: Petra’s Beauties and Nail’s-Studio. Sein Vorteil: Er ist einer der wenigen, die die Regeln tatsächlich noch beherrschen. Das reicht heutzutage, nach all’ den verwirrenden Debatten über Rechtschreibreform und reformierte Rechtschreibreform, über PISA und Unterschichtendeutsch schon aus, um respektiert zu werden. Und weil Sick in seiner Zwiebelfisch-Kolumne in Spiegel online dieses Herrschaftswissen in humoristische Anekdoten verpackt, wird er zudem auch noch gemocht. Seine kleinen Sprachbeobachtungen haben auch auf dem Buchmarkt als Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod in drei Folgen Bestsellerstatus erreicht. In diesem Herbst zieht er mit beidem, dem Wissen und dem Humor, über deutsche Bühnen und liest aus seinen Werken, als Comedian der Linguistik. Im vergangenen Jahr versammelten sich in der Köln-Arena 15 000 Menschen »zur größten Deutsch-Stunde der Welt«, hörten sich an, warum der Rhein männlich und die Elbe weiblich ist, oder wie unregelmäßige Verben auf -alten/-elten im Infinitiv (erkalten), Präteritum (die Lava erkaltete) und Perfekt (die Lava ist erkaltet) gebildet werden.
Eigentlich alles Themen für den baldigen Pausengong, aber nicht bei Sick, der auf der Bühne locker eine Doppelstunde ohne Murren im Publikum durchzieht. »Ich bin kein Missionar, ich sehe mich nicht als Sprachretter. Bei meinem Bühnenprogramm steht das Unterhaltsame des Themas Sprache im Vordergrund. Gleichzeitig erkläre ich ein paar Regeln und spieße Phrasen, Anglizismen und nachlässigen Umgang mit unserem kostbaren Kulturgut auf«, sagt Sick und blickt von der Sitzecke in seinem Büro hinüber zu seinem Schreibtisch, auf dem lediglich zwei Ausgaben des Duden stehen. Im Grunde sind darin alle Zweifelsfälle nachzuschlagen, jeder könnte die Feinheiten der deutschen Sprache selbst recherchieren, aber wer macht das schon. Viel schöner ist es doch, das Sprachpuzzle gemeinsam zusammen zu setzen, und deswegen laufen Mails wie ein steter Strom in Sicks Fach.

Alle kann er längst nicht mehr selbst lesen, diese Anfragen nach Groß- und Kleinschreibung, nach Verlaufsformen von Verben und der Steigerung des Adjektivs doof (doofer, am doofsten? Döwer, am döfsten?). Hinzu kommen noch die vielen Fotos von den sprachlichen Irrwegen, die so mancher Ladeninhaber auf sein Schaufensterschild drucken ließ. Der Spiegel-Verlag, bei dem er angestellt ist, hat ihm eine sprachinteressierte Praktikantin genehmigt, die das Gros abarbeitet und die vielen Anfragen von Unternehmen, Schulen und Verbänden aussiebt, die sich nach Sicks Bereitschaft für eine private und zuweilen gut honorierte Deutschstunde erkundigen.

Der Bedarf nach dem Thema Sprache ist riesig, vermutlich gerade weil die Rechtschreibreform und die sie begleitende Diskussion so lang und undurchsichtig war. Sicks Erfolg ist ein Kollateralschaden der allgemeinen Sprach-Verunsicherung, die die einen nutzen, um völlig regelbefreit vor sich hin zu fabulieren, andere aber bis ins Mark trifft. »Sprache ist zutiefst emotional. Sie ist ein Mittel, mit dem wir uns selbst darstellen, ein Teil unserer Identität. Wenn jemand unsere Sprache kritisiert, greift er auch unsere Persönlichkeit an«, sagt Sick, der deswegen den Humor und nicht den erhobenen Zeigefinger zum Stilmittel wählte.

Genau mit diesem Rezept begann auch seine Karriere, die sich wie ein Märchen der modernen Internetzeit liest. Eigentlich gehörte Sick nämlich zu den fleißigen Menschen im Schattenreich des Spiegel, den Dokumentationsjournalisten, die die Artikel der schreibenden Helden auf Stimmigkeit, Belastbarkeit und formale Fehler abklopfen. Die Chance, aus dieser Dienstleistungsfunktion heraus auch selbst einmal einen Artikel schreiben zu dürfen, war (und ist) eher theoretischer Natur. 1999 wechselte er als Schlussredakteur zum aufstrebenden Medium Spiegel online. Als nach der ersten Euphorie die große Sparwelle einsetzte, wäre Sick beinahe entlassen worden. Es ging gerade noch einmal gut, und so konnte der Lübecker, der Geschichte und Französisch studiert hatte, weiterhin seine kleinen Stilblüten an seine Redaktionskollegen senden, um sie auf Fehler in den eigenen Texten aufmerksam zu machen. Nun sind Journalisten empfindsame Seelen, allerdings nur, wenn es um ihre eigenen Texte geht. Und deswegen verkleidete Sick seine Kritik an Formulierungen und Orthografie lieber in kleine Geschichten, damit konnten alle besser leben. Als 2003 die Chefredaktion von Spiegel online beschloss, daraus die regelmäßige Zwiebelfisch -Kolumne zu machen, war der Weg frei für einen der ersten Autoren, der seine Bekanntheit und Wirkung allein dem Internet verdankt. Seine beiden Bücher wurden in saarländischen Schulen Pflichtlektüre, Sick ist mittlerweile Ehrenmitglied des Vereins Deutscher Sprache und für viele seiner Leser und Zuhörer nicht weniger als ein Held.

Dabei nimmt er sein Thema selbst nicht allzu ernst, körperliche Schmerzen bereitet ihm fehlerhaftes Deutsch jedenfalls nicht. »Im Grunde wird dadurch nur mein Zwerchfell berührt. Jede Woche öffnet irgendwo ein neues Geschäft, und garantiert ist das Schild im Schaufenster ein Kuriosum, was deutsche Orthografie und Grammatik betrifft.« Manches seien eindeutige Fehler, anderes nennt er »Abweichungen«. Bei diesem Wort springt der 41-Jährige auf, läuft quer durch sein Büro auf eine Deutschlandkarte zu und zeichnet mit seinen Fingern eine Ellipse nach. »Hamburg, Bremen, Hannover, Braunschweig. Hinter Göttingen fängt es schon an«, sagt er. Ab hier wird Dialekt gesprochen, ist Hochdeutsch manchmal nur eine mühsam eingeübte Verkehrssprache, aber keine Herzenssache mehr. Und in diesen Dialekten fallen schon mal Zeiten weg, werden Endungen verschluckt oder Konjunktionen neu definiert: Der Klinsmann, der wo so großen Erfolg gehabt hatte. Was soll’s.
Ärgerlicher wird Sick nur, wenn professionelle Schreiber liederlich mit ihrem Handwerk umgehen. Werbetexter, Pressesprecher, Journalisten, Buchautoren – viele von ihnen nehmen es häufig genug auch nicht so genau, merkt ja ohnehin keiner mehr. »Die haben ihren Beruf verfehlt, wenn sie so denken. Ein Arzt sagt ja auch nicht: ‘Weiß ja eh keiner, was in diesem Medikament drin ist’. Diese Gedankenlosigkeit lässt mir die Haare zu Berge stehen.« Nicht selten würden sich auch diese Berufsgruppen auf ein Verfahren einlassen, das Sick, allerdings mit einem unschönen Anglizismus, »Google-Fight« nennt. Dabei werden bei Unsicherheiten in der Rechtschreibung einfach alle denkbaren Varianten in die Suchmaschine eingegeben; richtig ist, was mehr Treffer bringt. Bei Matraze und Matratze funktioniert das noch ganz gut, bei Storys und Stories schon nicht mehr.

Seine ursprüngliche Mission, den Genitiv vor dem sicheren Tod zu bewahren, sieht Sick auf einem guten Weg. Er hat eine starke Zunahme des Genitivs festgestellt. »Viele Menschen sind sich seiner Existenz wieder bewusst geworden. Vielleicht habe ich mit meiner Arbeit einen Teil dazu beigetragen.« In einem anderen Fall hat der Sprachpfleger allerdings die Waffen gestreckt. In seinen Lesungen fragt er die Zuhörer gern, ob das Perfektpartizip des Verbs »winken« nun, »gewinkt« oder »gewunken« heißt. Quer durch die Republik entscheidet sich die Mehrheit für »gewunken«, obwohl »winken« ein regelmäßiges Verb ist, das sein Präteritum mit »winkte« und nicht mit »wank« bildet. »Wie ‘hinken‘«, sagt Sick mit einem Lachen, »es heißt ja auch nicht: ich bin nach Hause ‘gehunken’. Aber Sprache hat auch mit Ästhetik zu tun, mit Melodie. Und ‘gewunken’ klingt ja tatsächlich schöner, auch wenn es eigentlich falsch ist.«

Bei diesen Beispielen johlt sein Publikum, weil es doch schön ist, Fehler machen zu dürfen. Eine richtige Fangemeinde hat sich etabliert, manche reisen ihm hinterher, als würde er jedes Mal die Sprache und damit das Leben ein klein wenig neu erfinden. Noch werfen seine Jünger anders als bei Rockstars nichts auf die Bühne, aber bis die ersten Duden fliegen, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit. »In dem bildungsbewussten Segment, das ich bediene, sind die Menschen aber eher zurückhaltend. Viele sind mir allerdings sehr wohlgesinnt.« Und nicht etwa wohlgesonnen.

Von Jörn Lauterbach
© Die Welt. Mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.


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