Im Interview:

Tom Hillenbrand

Thomas Hillenbrand, geboren 1972, ist freier Autor. Der gebürtige Hamburger interessiert sich vor allem für Wirtschafts- und Technologiethemen – und ist begeisterter Hobbykoch. Im Interview erzählt er über die Hintergründe seines ersten Romans Teufelsfrucht. Ein kulinarischer Krimi, der im April 2011 erschien.

Kurzbeschreibung:
Der ehemalige Sternekoch Xavier Kieffer hat der Haute Cuisine abgeschworen und betreibt in Luxemburg ein kleines Restaurant. Eines Tages bricht ein renommierter Pariser Gastro-Kritiker tot in seinem Restaurant zusammen – und plötzlich steht Kieffer unter Mordverdacht. Als dann noch sein alter Lehrmeister spurlos verschwindet, beschließt der Luxemburger, die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen; sie führen ihn bis nach Paris und Genf. Dabei stößt er auf eine mysteriöse, außergewöhnlich schmackhafte Frucht, auf gewissenlose Lebensmittelkonzerne und egomanische Fernsehköche. Immer tiefer taucht Kieffer in die von Konkurrenzkampf und Qualitätsdruck beherrschte Gourmetszene ein – und erkennt, was auf dem Spiel steht.

Tom, über Sie ist zu lesen, dass Sie sich hauptsächlich für neue Technologien interessieren – von Elektroautos über Social Media bis hin zu japanischen Hightech-Toiletten, woher kommt jetzt das Interesse für Gourmetküche?

Ich bin privat begeisterter Hobbykoch und esse sehr gern. Das ist mein Ausgleichprogramm zum Nachrichtenjournalismus, wo es sehr stressig ist. Ich liebe es, stundenlang Gemüse zu schnippeln, Saucen simmern zu lassen, komplizierte französische Sachen zu kochen. Wo es nicht nur ums Essen geht, sondern um das Ritual der langen Zubereitung. Außerdem finde ich es als Wirtschaftsjournalist interessant, wie diese Nahrungsmittelindustrie funktioniert, wie diese Hypes funktionieren. Es muss ja niemand mehr kochen, um zu überleben, es ist mehr ein Freizeitsport geworden. Wenn man dann sieht, wie die Industrie die Köche für sich nutzt und andersherum und wie neue Zutaten lanciert werden… – da kam die Buchidee her.

Teufelsfrucht beschreibt detailliert, wie ein Spitzenkoch arbeitet (mise en place etc.). Wo und bei wem durften Sie in die Töpfe gucken?

Ich war bei sehr vielen Kochkursen und in kleineren Küchen, wo es diese Aufteilung mit Postenchefs und Aboyeurs so nicht gibt, wo nicht 15 Leute arbeiten. Aber ich war auch in großen Restaurants wie »Louis C. Jacobs« in Hamburg. Und ich fand damals schon am interessantesten wie diese Maschine abläuft, interessanter noch als alle Zutaten oder Zubereitungen. Ich war auch im »Nil« in Hamburg und die haben sich sehr viel Zeit genommen und uns gezeigt, wie sie das organisatorisch machen. Ein totaler Irrsinn. Es ist mir ein Rätsel, wie Leute das 30 Jahre lang aushalten. Ich habe auch viel bei Anthony Bourdain gelernt, der genau beschreibt, was für eine fürchterliche Plackerei das ist, wie viele damit scheitern und wie wichtig die Logistik ist. Diese tägliche Bestandsaufnahme: Habe ich noch genug Rindfleisch, muss ich welches einkaufen usw. Der auch erzählt, dass er morgens beim Aufstehen schon mal drei Schmerztabletten schluckt.

Ihr Held Xavier Kieffer ist die Sterneküche leid und kocht lieber regional. Was stimmt denn mit der Sterneküche nicht?

Das ist eben wie Leistungssport, es ist nicht für jeden und es gehen auch Leute daran kaputt. Und Kieffer hat einfach keine Lust mehr auf diesen Wettbewerb. Einen Stern zu kriegen ist das eine, ihn aber auch zu halten, ist noch schwerer. Und diesem Druck will Kieffer sich einfach nicht aussetzen. Es geht ja auch darum, mal einen anderen Weg einzuschlagen. Alfred Freeman z.B. war früher Koch im Spitzenrestaurant »Landhaus Scherrer« und hatte dann scheinbar Lust, sich anders auszuprobieren und leitet jetzt die Spiegel-Kantine. Sternegastronomie ist eben nur eine Art zu kochen, und nicht unbedingt die beste.

Ihr erster Krimi ist fast ein Begleitbuch zu Thilo Bodes Bestseller Die Essensfälscher. Ist Teufelsfrucht auch eine Kritik an der Lebensmittelindustrie?

Auf jeden Fall. Die Konzerne versuchen ja, immer billiger zu produzieren und verschweigen uns, was wirklich in den Produkten steckt. Wir sind auch nicht ganz unschuldig daran, wenn wir zum Beispiel eine Pesto Genovese haben wollen, die aber nur 79 Cent kosten soll. Das funktioniert nicht. Dann besteht die halt aus Kartoffelflocken und einem Prozent Olivenöl. Nichts desto Trotz ist es berechtigt, sich als Verbraucher verarscht zu fühlen, denn ist es natürlich total unredlich, zu sagen, du verkaufst Pesto Genovese, wenn es keine ist. Denn es ist ja de facto definiert, was da drin sein muss. Und wenn das nicht mal zu 30% deckungsgleich ist, darf man sich schon veräppelt fühlen. Der Versuch immer mehr Zutaten durch Stoffe zu ersetzen, die sich billig produzieren lassen, ist ja schon weit gediehen und die Entwicklung ist noch nicht am Ende – und darum geht es in Teufelsfrucht auch.

In Teufelsfrucht wendet ein großer Konzern auch illegale und verbrecherische Mittel an. Ist das denkbar?

Es würde einen doch nicht wundern, oder? Sie nehmen ja auch Umweltvernichtung in großem Stil in Kauf und damit auch die drastische Verschlechterung der Lebensqualität der Menschen dort. Zum Beispiel in Indonesien, wo für Palmöl Waldgebiete komplett weggebrannt werden. Da leidet nicht nur der Orang-Utan, sondern auch der Mensch, der in der Region lebt. Konzerne ab einer gewissen Größe in allen Bereichen, die nur Aktionären verpflichtet sind, machen schlimme Sachen. Aber natürlich ist das in meinem Buch Fiktion.

Teufelsfrucht beginnt im Dschungel, wir erleben einen Foodscout auf der Jagd nach exotischen Früchten. Gab es dazu ein Vorbild?

Das war tatsächlich der Auslöser für das Buch. Auf Discovery Channel lief mal eine Reportage über so einen Typen, der Früchte aus dem Dschungel holt und in seiner Experimentalküche guckt, ob sich daraus was machen lässt. Ich habe es dann nur ein wenig zugespitzt. Es kommt doch alle zwei Jahre ein neues exotisches Produkt auf den Markt, von Rauke über Acai-Beeren bis Umckaloabo. Wir brauchen die Abwechslung und irgendjemand muss diese Sachen herbei schaffen.

Warum lebt und kocht Kieffer in Luxemburg?

Ich habe Ende der 90iger drei Monate bei der EU in Luxemburg gearbeitet. Und ich fand Luxemburg schon damals sehr sehr ungewöhnlich. Das gibt es so nicht noch einmal. Außerdem wollte ich gern ein frankophones Setting und Belgien ist schon durch Hercule Poirot so besetzt. Dann bin ich noch mal nach Luxemburg gefahren und fand wiederum, es hat einiges von der französischen Eleganz, ist aber eine Spur ehrlicher. Man sagt immer: französische Küche, deutsche Portionen. Es gibt viele Gerichte, die einfach sind, nicht so überkandidelt. Der Luxemburger will auch gescheit vespern, das passt gut zu meinem Helden Xavier Kieffer.

Ihr Held Kieffer in drei Sätzen?

Ein Brummbär, ungefähr Anfang 40 und unbeweibt. Er ruht in sich selbst und liebt seine Arbeit. Er isst gern gute Sachen und das sieht man ihm auch gern an. Wenn kein Tester in seinem Restaurant tot umgefallen wäre, hätte er gut und gern die nächsten 20 Jahre so weitermachen können, in derselben Cordhose, mit denselben Winzern, in seinem eigenen Restaurant.

Die beste Sehenswürdigkeit in Luxemburg?

Man sollte sich auf jeden Fall die Unterstadt anschauen, sowohl von oben als auch von unten. Man sollte einmal durchlaufen und sich die Abtei Neumünster angucken. Und man sollte auf die Corniche steigen und runter schauen. Klar gibt es andere Gegenden, wo man sich auf einen Felsen stellen und in eine Schlucht schauen kann, aber hier ist unten drin halt eine Stadt und das ist schon doll. Wird wohl nicht umsonst »der schönste Balkon Europas« genannt.

Ihr Luxemburgisches Lieblingsessen?

Ich mag die Rieslingspaschtéit. Die ist elegant und bodenständig zugleich und enthält regionale Zutaten.

Ist eine Fortsetzung geplant?

Auf jeden Fall. Ich kann verraten, dass Kieffer auf Trab kommt und vielleicht etwas mit der Gabin-Erbin passiert. Es wird natürlich ein Krimi, auch wenn er weiterhin als Koch arbeitet, aber Miss Marple purzeln ja auch andauernd die Toten vor die Füße. Und es gibt ja so viele Schurken in der Lebensmittelindustrie und in der Hochfinanz und da ist Xavier Kieffer natürlich am richtigen Ort.

Teufelsfrucht

Tom Hillenbrand

TeufelsfruchtEin kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers erster Fall

Broschur, Erscheinungsdatum: 18.04.2011

Ein Krimi zum Genießen!

Der ehemalige Sternekoch Xavier Kieffer  hat der Haute Cuisine abgeschworen und betreibt in der Luxemburger Unterstadt ein kleines Restaurant, wo er seinen Gästen Huesenziwwi, Bouneschlupp und Rieslingpaschtéit serviert. Doch dann bricht eines Tages ein ...


zurück zur Übersicht aller Interviews