Im Interview:

Thomas Pletzinger

Thomas Pletzinger zeigt eine Generation zwischen Liebe, Freiheitsdrang und Verantwortung

Thomas Pletzinger

Im Streit verlässt Daniel Mandelkern die großzügige Altbauwohnung im Hamburger Generalsviertel und Elisabeth, seine Frau und Chefin. Sie hat ihm den Auftrag erteilt, den öffentlichkeitsscheuen Autor Dirk Svensson am Luganer See zu besuchen und für den von ihr verantworteten Kulturteil einer Wochenzeitung zu interviewen. Äußerst widerwillig macht Mandelkern sich auf den Weg, hofft aber, dass ihm die Distanz helfen wird, sich klar zu werden – über sein Leben, seine Liebe und die Zukunft seiner Ehe.

Schon bei der Ankunft am See ahnt er, dass am Ende seiner Reise mehr stehen wird als das Autorenporträt, das Elisabeth erwartet. Denn Mandelkern ist nicht der einzige Gast. Mit ihm besteigen eine schöne junge Frau und ihr Sohn das Boot, mit dem Svensson und sein dreibeiniger Hund in Lugano anlegen. Es folgen vier Tage in Svenssons Welt, in denen Daniel Mandelkern sich und sein Leben mit anderen Augen zu sehen lernt. Er wird hineingezogen in eine tödliche Dreiecksbeziehung und in ein Manuskript, das er im Gästezimmer findet und das ihn nach New York, Brasilien und tief in das rätselhafte Leben des Dirk Svensson führt.

Bestattung eines Hundes erzählt von den Mittdreißigern unserer Tage, die an vielen Orten der Welt gewesen sind, ohne irgendwo zu Hause zu sein, die viel ausprobiert haben, ohne eine Berufung zu finden, die große Pläne geschmiedet haben und nun kleine Lösungen finden müssen.

Das Leben ist nicht immer woanders. Oder doch?

Mit Bestattung eines Hundes legt der Leipziger Schriftsteller Thomas Pletzinger ein fulminantes Debüt vor, einen vielschichtigen, modernen, an Max Frisch geschulten Roman.

Pletzinger beleuchtet in seinem Debüt Generationenthemen: das Unterwegssein, die Angst vor Verbindlichkeit, die Suche nach Heimat.

»Meine Figuren sind Heimwehtouristen«, sagt der 30-Jährige.

Ein Interview von André Hille, Februar 2008

Du debütierst gerade mit deinem Roman Bestattung eines Hundes. Wie ordnest du dich in der deutschen Gegenwartsliteratur ein?

Die Frage, wo man sich in diesem Wust an Neuerscheinungen, für die man selber noch keine Schubladen gefunden hat, einsortiert ist schwer zu beantworten. Ich wüsste nicht, welche Zuordnung ich da finden sollte, gerade als Autor, der das erste Buch geschrieben hat. Ich denke, so etwas muss von außen kommen.

Siehst du dich in keiner Tradition?

Doch, natürlich sehe ich mich in Traditionen. Das Buch ist voller Referenzen zu Büchern, die ich mag oder Autoren, die ich bewundere – da gibt es viele Anknüpfungspunkte, aber ich habe das Buch nicht geschrieben, um mich irgendwo anzuschließen. Ich glaube, das kommt später, wenn Andere mit dem Blick von außen an das Buch herantreten und sagen: Es handelt sich hierbei um Dieses oder Jenes. Vor drei Tagen habe ich die Druckfreigabe erteilt und ich glaube, man muss das Kind erst mal auf die Welt gebracht haben, um es von allen Seiten betrachten zu können. Momentan hängt es noch im Geburtskanal fest [Anm. der Redaktion: Bestattung eines Hundes ist im März 2008 erschienen].

Du orientierst dich nach eigener Aussage relativ stark an Max Frisch, braucht man als Debütant diese Orientierung, hast du sie gebraucht?

Es gibt formale und thematische Referenzen an Max Frisch aber auch an viele andere Autoren. Ich glaube, das braucht man, aber nicht per se als Debütant, sondern als Autor im Allgemeinen. Es gibt natürlich Autoren, die sich verweigern und abgrenzen und sagen, mein Werk und mein Weg sind komplett eigenständig – das würde ich nie behaupten. Ich würde nicht schreiben, wenn ich nicht gelesen hätte. Dass man sich in dieses Netz begibt, ist für mich ein wesentlicher Teil des Schreibens. Und das ist ja noch erweiterbar: Das Netz bezieht sich auch auf andere Künste, Musik ist zum Beispiel ganz wichtig. Meine Figuren singen häufiger, Ernst Busch genauso wie Schubert. Das sind auch Referenzpunkte und Strukturen, in die man sich hineinbegibt. Wie offensichtlich man das tut – bei mir ist es gewollt offensichtlich – ist eine andere Frage. Man kann das auch verbergen, aber das wollte ich nicht, weil das Sich-Beziehen ein wichtiger Teil der Figuren ist.

Gerade zu Beginn entsteht der Eindruck, dass deine Sprache in gewisser Weise poliert ist und du dich unangreifbar machst.

Vielleicht, aber nicht überall. Ich möchte schon, dass die Figuren etwas wagen, ich will es krachen lassen, auch formal, ich will aber trotzdem, dass es lesbar bleibt und ein Zugang zu den Figuren da ist. Die Sprachoberfläche soll sichtbar werden, Bestattung eines Hundes ist kein Buch der unsichtbaren Schnitte und des über allem stehenden Plots, sondern ein Buch, in dem das Schreiben und die Sprache selbst zum Gegenstand werden. Die Sprache der Figur Mandelkern ändert sich im Lauf des Romans, so wie die Figur selbst auch.

Eines der Kapitel heißt: Wer ist Daniel Mandelkern, könnte es auch heißen: Wer ist Thomas Pletzinger?

In gewisser Weise ist dieses Buch ein Stimmfindungsbuch. Ich habe zwei Schreibende mit verschiedenem Schreibansatz, die beide als Ich-Erzähler in dem Buch auftauchen und das ist in gewisser Weise auch der Versuch, mich meinem eigenen Ich anzunähern, wobei ich sicher in der Gesamtheit der Stimmen drinstecke. Ich kann mich da nicht verbergen.

Was würdest du dann als deine eigene Poetik bezeichnen?

Es gibt verschiedenste Elemente, die ich als Kernthemen bezeichnen würde. Im Moment beschäftige ich mich gerade mit dem Thema Erinnerung. Was bedeutet Erinnerung und wie beeinflussen Erinnerung und Autobiographie das eigene Schreiben? Für mein Buch kann ich, glaube ich, sagen, dass die Schauplätze und die Problematik des Schreibens, des Aufschreibens, zentrale Themen sind. Mein Schreiben wird stark bestimmt von einer Nostalgie und Melancholie, die sich an Dingen entzündet, das wird man dem Buch vielleicht gar nicht so anmerken. Dinge, Gegenstände, Pflanzen, Orte, Schauplätze können starke Marker und Träger von Erinnerung sein. Und das ist für meine Arbeit, gerade an diesem Buch, sehr zentral. Schauplätze sind für mich sehr wichtig und auch Gegenstände.

Bedeutet das nicht letztlich auch Heimat, eine emotionale Beziehung zu Gebäuden oder zu Landschaft zu haben?

Genau. Ich nenne es lieber ganz allgemein die Dinge, weil die Dinge psychologisch und emotional aufgeladen werden und in Bestattung eines Hundes laden verschiedene Leute verschiedene Dinge mit ihrem eigenen Erleben und Empfinden auf. Es gibt Autoren, die schreiben nicht über Dinge, aber für mich ist es wichtig, dass Dinge in Literatur Platz haben. Ich möchte über leere Colaflaschen schreiben oder die verrotteten Stühle, über T-Shirts oder halbtote Hunde. Das mag kitschig klingen, aber da steckt eine Menge an Emotionen drin und darüber eine emotionale Beziehung zum Text zu schaffen, das möchte ich gern erreichen.

Der Roman ist sehr international, spielt in verschiedenen Ecken der Welt, du selbst reist auch sehr viel, ist das auch eine Verortung in der Welt, eine Art Heimatsuche?

Interessanterweise war einer der wenigen Titel, der in die Endauswahl gekommen ist – Bestattung eines Hundes war eigentlich immer nur der Arbeitstitel – Heimwehtouristen. Das ist ein stehender Begriff für die Leute, die zurückkommen, die ihre alte Heimat besuchen und in ihr nur noch Touristen sind. Es hätte Sinn gemacht, das Buch so zu nennen, weil meine Figuren sämtlich Touristen sind, die auf der Suche nach einer Heimat sind. Natürlich ganz anders als die 70- oder 80-Jährigen, die ihre Elternhäuser noch mal sehen wollen, sondern sie sind grundsätzlich Heimwehtouristen. Das ist ein wichtiges Thema unserer Generation, zumindest eines bestimmten Teils, dass man zwischen all den Orten, die man besuchen kann, an denen man leben kann auf der Suche ist nach einem Ort, an dem man sich zu Hause fühlt. Meine Figuren fahren nach Brasilien und denken, sie tun dort Gutes, sie wollen dazugehören und bleiben trotzdem immer die blöden deutschen Sozialarbeiter, die man ausnehmen kann, sie fahren nach New York, weil sie sich besonders fühlen und denken, sie können dort leben, sind aber letztlich auch nur ganz normale Menschen.

Die Figuren sind sehr moderne Figuren, Jet-Set-Figuren in gewisser Weise …

… Jet-Set ist das falsche Wort. Die machen das nicht aus Vergnügen, die fahren nicht nach St. Moritz weil sie shoppen gehen wollen, die Figuren sind suchend.

Ja, das stimmt. Aber es sind moderne junge Menschen, die unterwegs sind, fast rastlos unterwegs sind in der Welt, in gewisser Weise auch auf der Flucht?

Ich glaube, auch das kann man so nicht sagen. Die sind nicht getrieben davon, dass sie wegwollen, die wollen irgendwohin. Die sind nicht auf der Flucht vor einem Zuhause, die suchen etwas. Das klingt sicher abgegriffen, weil alle auf der Suche sind. Aber das Problem des Immer-Wegkönnens führt dazu, dass sie nie wirklich ankommen. Obwohl sie das manchmal versuchen. Svensson möchte sich diesem Selbstverwirklichungs-Imperativ verweigern, er denkt: Ich renoviere jetzt ein kaputtes Haus am Luganer See und dann bleibe ich da. Was vielleicht doch wieder eine Art Flucht ist, wahrscheinlich flieht er an einen Ort, den er kontrollieren kann. Das Buch beschreibt die Versuche, einen Ort zu finden, an dem man sich richtig fühlt.

Gibt es das für dich persönlich, dieses Richtig-Fühlen, das Angekommensein?

Das ist schwierig. Das gibt es schon, aber das ist nicht territorial gebunden. Ich habe jetzt eine Bahncard 100 und fühle mich derzeit sehr zu Hause auf den BahnComfort-Plätzen der Deutschen Bundesbahn (lacht). Aber im Wesentlichen hängt das Gefühl natürlich mit Menschen zusammen. Nachdem ich jetzt seit etwa 12 Jahren unterwegs bin und nicht mehr mit einem richtigen Zuhause lebe, war ich mal wieder einen Monat bei meinen Eltern und das hat sich gut angefühlt. Das ist eine Art Zuhause, aber ich kann mich auch gut und zu Hause fühlen, wenn ich in Berlin eine Freundin besuche oder in New York in einem Park sitze, den ich mag. Manchmal sind Cafés Orte, an denen ich mich für eine Zeit zu Hause fühle.

Macht sich daran der Wandel des Begriffs Heimat fest? Für unsere Eltern war Heimat noch klar ortsgebunden, bei uns ist es eine Sicherheit in sich selbst, die man hat.

In sich selbst würde ich vielleicht nicht sagen, aber miteinander. Ich würde sagen, dass das zu einem nicht geringen Teil auch mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu tun hat, dass man sein kann, woimmer man will, aber trotzdem immer erreichbar ist für die Menschen, die Heimat bedeuten.

Wer nicht per E-Mail kommuniziert, fällt aus der Kommunikation heraus?

So ungefähr. Meine Briefpost wird umgeleitet zur Adresse meiner Eltern und die schicken mir das dann dahin, wo ich gerade bin. Die Kehrseite der Medaille ist, dass es einem manchmal auf den Geist geht. Ich bin jetzt zum Beispiel eine Woche in Leipzig und das ist für mich schon viel, eine Woche am Stück da zu sein, und ich strebe schon auch an, dass das anders wird. Ich bin mir auch sicher, dass das anders werden kann. Wenn Kinder ins Spiel kommen, das erfahren auch die Romanfiguren, dann wechselt der Heimatbegriff und dann sind wir ganz schnell wieder da, wo unsere Eltern sind, bei aller Mobilität.

Aber was ist es denn, was das Unterwegssein so reizvoll macht?

Andere Orte sind ja auch schön und nicht nur der eigene Vorgarten. Das ist keine Neuigkeit. Es gibt viele schöne Orte, es gibt viele gute Dinge, die man tun kann, es gibt viele Möglichkeiten, die man leben kann, es gibt viele Menschen, die man mögen kann.

Aber ist das nicht auch ein Ausweichen, die Angst davor, sich festzulegen?

Der Mandelkern hat zunächst Angst davor, sich festzulegen und das letztendliche Fazit ist auch, dass diese Angst eine gewisse Albernheit birgt. Diese Angst, sich festzulegen, ist in unsere Generation quasi vorinstalliert, man kann aber auch einfach sagen: Scheiß drauf, ich leg mich jetzt halt einfach mal fest. Das Leben ist das Leben und das Leben ist nicht immer woanders. Das Leben ist keine Frage des Ausschlusses für ihn, er lernt, dass eins nicht automatisch alles andere nicht bedeutet. Man muss Entscheidungen fällen, aber sie sind nicht ausschließlich. Wenn man heiratet bedeutet das nicht, dass man sein ganzes Leben lang nicht mehr entscheiden kann. Entscheidungen muss man immer wieder neu treffen, man muss seine Beziehung, seine Arbeitssituation immer wieder neu betrachten und neu evaluieren.

Aber dann stellt sich natürlich die Frage nach der Relevanz von solchen Entscheidungen wie dem Ja-Wort, das ja schon ein »für den Rest des Lebens« beinhaltet. Ist das nur noch eine hohle Phrase?

Das Buch ist sicher keine Absage an die Verbindlichkeit, überhaupt nicht. Ich denke, dass der Glaube an die absolute Verbindlichkeit genauso eine Illusion ist wie der Glaube an die absolute Unverbindlichkeit. Die völlige Freiheit gibt es genauso wenig wie die völlige Unfreiheit.

Es gibt nur beides im Wechsel. Man kann Freiheit nur als Gegensatz zur Unfreiheit empfinden.

Genau. Und wir reden jetzt hier nicht von ganz natürlichen Verbindlichkeiten. Das Altern oder ein Kind sind große Verbindlichkeiten. Ebenso ist eine Krankheit eine verbindliche Sache. Man kann nicht sagen: Heute habe ich keinen Zucker mehr.

Das ist dann ein schmerzhafter Prozess, mit Einschränkungen leben zu lernen. Das geht nicht ohne Trauer und ohne Schmerzen ab.

Natürlich, es geht nie ohne Trauer ab. Und das ist eigentlich das, was ich mit den Figuren wollte, diesen Grat sichtbar zu machen, ohne eine Lösung anzubieten. Weil es diese Lösung nicht gibt. Man kann rückblickend sagen: Ich habe mich eingelassen und festgelegt, aber das Leben als eine Art Entwurf des eigenen Willens zu betrachten ist, glaube ich, Quatsch.

Insofern lässt sich der Roman dann doch ganz gut einordnen, zumindest darüber, was er nicht ist. Es gibt den Trend zum historischen Roman, es gibt die großen Jahrhundert-Rückblicksromane, es gibt die Familienromane. Damit hat dein Roman nichts zu tun, die Figuren sind in der Gegenwart verankert, es geht um Verbindlichkeit, Verantwortung, Unterwegssein – moderne Phänomene.

Wenn man sich zum Beispiel die Bücher von Sasa Stanisic anschaut oder Clemens Meyer oder Lucy Fricke, dann geht es da um andere existenzielle Notwendigkeiten, insofern handelt es bei mir erst mal um ein »Luxusproblem«. Ein Krieg hat eine ganz andere Verbindlichkeit als die freie Berufswahl in Zeiten des Internets. Das ist mir auch bewusst, aber ich finde es als Generationenphänomen trotzdem sehr interessant.

Du hast den deutschen Literaturbetrieb relativ leichtfüßig durchschritten, es ging los mit MDR-Literaturpreis, diversen Stipendien und weiter damit, dass du für den ersten Roman einen Großverlag gefunden hast. Hast du das auch so leicht empfunden?

Das war kein Zuckerschlecken, aber ich bin dem Betrieb nicht besonders reserviert gegenüber. Ich habe keine »Betriebsangst« und das liegt einfach daran, dass ich lange darin gearbeitet und ein bisschen den Respekt davor verloren habe. Wenn man weiß, wie dieser Betrieb funktioniert, dann kann man den Betrieb als Betrieb verstehen und sich darin bewegen. Ich musste nie so tun, als ob meine Kunst betriebsunabhängig ist, weil ich genau weiß, dass der Betrieb nicht unwichtig ist, wenn man das als Beruf machen will. Ich weiß auch, dass es andere schriftstellerische Lebens- und Arbeitsentwürfe gibt, aber ich habe das so kennengelernt, als ganz normale Arbeitswelt. Aber es gehört natürlich auch Glück dazu.

Konntest du dadurch finanziell relativ unabhängig arbeiten?

Naja, ich arbeite jetzt immer noch, um Geld zu verdienen, es ist nicht so, dass der Betrieb mich finanziert. Und wenn ich meine Eltern und ihre Unterstützung nicht gehabt hätte, wäre das alles nicht so gelaufen, aber ich musste natürlich nie Vollzeit zum Beispiel als Arzt arbeiten. Ich habe mich immer in diesem Betrieb bewegt, will den Weg aber trotzdem nicht einfach nennen, es gehört auch extrem viel Glück und viel Arbeit dazu.

Also ist Schreiben eher Arbeit als Lust?

Ich habe neulich gelesen: I hate to write but I love to have written. Und das trifft es. Schreiben ist nicht gerade das Leichteste, was man machen kann, man kann seinen Tag einfacher herumbringen, man kann einfacher Geld verdienen und man kann sich beim besten Willen einfacher selbst verwirklichen.

Was verbindest du dann damit?

Ich dachte immer, ich hätte das Schreiben unter Kontrolle, das sei eine Art freiwillig eingegangener Stress, dem ich mich für die Dauer des Schreibens hingebe und am Schluss kommt dabei dieses oder jenes heraus, aber ich muss sagen, das Buch hat mich von dieser Meinung kuriert. Ein Roman ist was anderes als eine Kurzgeschichte, das geht einen dann schon persönlich an, zum Schluss war es dann auch kein Vergnügen mehr, sondern knallharte Arbeit, das ist mir sehr an die Substanz gegangen.

Du bist an deine Grenzen gestoßen?

Ja, ich würde sogar sagen, dass ich von der Intensität des Arbeitens über meine Grenzen hinausgegangen bin, aber das gehört dazu. Diese Grenzen muss man einfach aus austesten und kennenlernen, wenn man ein guter Schriftsteller sein will. Bei aller Pragmatik war ich doch manchmal davon überrascht, wie unkontrollierbar und unerwartbar das eigene Arbeiten ist. Ich will die ganze spirituelle Musenkuss-Geschichte nicht kleinreden, bei allen Ritualen, bei aller Pragmatik, die sich in dem Betriebsverhalten niederschlägt, beim Ritualisieren des eigenen Arbeitsalltags wurde ich doch ganz schön umgehauen davon, dass man nachts davon träumt oder dass man plötzlich fünf Wochen lang 14 Stunden am Tag ohne Wochenende durcharbeitet.

Hast du mal versucht zu ergründen, woher dein Schreiben kommt oder fragst du dich das nicht.

Ich würde dem gern mal auf den Grund gehen. Vor etwa einem Jahr hatte ich in meiner Heimatstadt Hagen eine Lesung, zu der meine alte Grundschullehrerin kam, und sie brachte eine Kopie eines Zeugnisses mit. In der zweiten Klasse gab es statt Noten noch Beurteilungen und da stand bei mir: Thomas verhält sich gut zu den anderen Kindern, beim Lesen und Schreiben hat er keine Probleme und außerdem: Thomas neigt dazu, manchmal fast poetisch abzuschweifen (lacht). Das war in der zweiten Klasse! Und da habe ich gedacht: Meine Güte, das ist also etwas, dass ich nicht bewusst entwickelt habe, sondern anscheinend hat mich das schon damals umgetrieben.

Aber woher kommt das? Warum entwirft ein bestimmter Teil der Menschheit, ein sehr kleiner Teil der Menschheit mit einer gewissen Unbedingtheit dieses Bild von sich selbst.

Vielleicht habe ich das von meiner Mutter geerbt, meine Mutter hat ein unglaubliches Talent zum rührenden Wort, sie hat nie geschrieben, aber sie ist sehr melancholisch. Sie konnte Gefühle gut in Worte fassen. Ich will nicht sagen, dass ich dieses Talent geerbt habe, aber diese Melancholie oder diese Nostalgie den Dingen und Erinnerungen gegenüber, alten Geschichten, ich würde fast sagen, dass es daher kommt.

Schreiben als Festhalten am Leben?

Ja, die alten Dinge wertzuschätzen, zurückzublicken. Meine Großmutter ist auch so, das ist eine Grundhaltung, gepaart mit einem, wie soll ich sagen, Hang Blödsinn zu machen, komische Sachen zu erfinden, das hatte ich auch schon immer, wie mir diese Grundschullehrerin eindrucksvoll in Erinnerung gerufen hat. Trotzdem ist das nicht der alleinige Grund, warum man sich als Zwölfjähriger hinsetzt oder warum man ein Romanprojekt beginnt. Aber es hat schon mit dieser Trauer zu tun, wenn Dinge vorbeiziehen. Anschreiben gegen das Vergessen – das weiß man nicht.

© Kunststoff – Kulturmagazin für Mitteldeutschland/ André Hille 2008. Mit freundlicher Genehmigung.

www.andre-hille.de


Bestattung eines Hundes

Thomas Pletzinger

Bestattung eines HundesRoman

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 06.03.2008

Thomas Pletzingers großartiges Romandebüt zeigt eine Generation zwischen Liebe, Freiheitsdrang und Verantwortung

Ein Ethnologe in einer Lebenskrise, ein Kinderbuchautor mit einem Bestseller und einer Ruine am Luganer See, eine finnische Ärztin, ...


zurück zur Übersicht der Interviews