Im Interview:

Susann Pásztor

Mit feiner Beobachtungsgabe, großem Einfühlungsvermögen und viel Fröhlichkeit ist Susann Pásztor mit Ein fabelhafter Lügner eine Familiengeschichte gelungen, in der das Tragische und das Komische ganz eng beieinanderliegen.

Im Interview mit Kiepenheuer & Witsch spricht sie von ihrem späten Debüt als Romanautorin, ihrer Einstellung zum Humor und warum sie genau wie ihre Protagonisten nur eine »Vaterjüdin« ist.

»Ich finde, Humor ist eine Form von Liebe.«

Frau Pásztor, Sie haben einen Roman über eine Familie geschrieben, aber man wird den Eindruck nicht los, eine autobiografische Geschichte zu lesen. Wie nah bewegt sich das Buch entlang Ihrer eigenen Geschichte?

Die Biografie von Joschi Molnár hat durchaus Parallelen zu der meines Vaters. Von daher ja, die Geschichte ist meiner eigenen sehr nah. Manchmal näher, als mir beim Schreiben lieb war. Als ich etwa bei meinen Recherchen zufällig entdeckte, dass die Jüdische Gemeinde in der ungarischen Heimatstadt meines Vaters einen Gedenkstein für die Toten von Auschwitz aufgestellt hat, auf dem auch der Name seiner damaligen Frau und seiner Tochter steht, ist mir das sehr nahe gegangen. Bis dahin kannte ich die Namen nur aus Erzählungen und Dokumenten, von denen keiner wusste, ob sie echt waren oder nicht, und plötzlich standen sie in Stein gemeißelt da.

Solche Momente können einen schon kurz mal aus der Kurve tragen – schließlich wollte ich keinen Roman schreiben, um meine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich wollte die Geschichte von Joschi Molnár und seinen Kindern erzählen.

Wie kamen Sie auf die Idee, die 16-jährige Lily als Erzählerin zu wählen?

Eben wegen dieser Parallelen. Mit meiner eigenen, erwachsenen Erzählstimme hätte sich schnell mal ein zynischer oder anklagender Unterton über verlorene Väter, das Drama der zweiten Generation oder ein Lager wie Buchenwald einschleichen können, und das wollte ich nicht. Lily dagegen hat genügend Distanz, um einfach zu sagen, was sie sieht, hört oder denkt, ohne allzu sentimental oder pathetisch zu werden. Mit 16 hat man einen sehr unbestechlichen Blick auf die Dinge, und gleichzeitig trägt man noch viel von der Magie aus der Kindheit in sich. Man wundert sich über vieles, aber man verurteilt es nicht sofort. Genau so eine Stimme wollte ich haben.

Über das Thema deutsch-jüdische Geschichte ist viel geschrieben worden, selten jedoch mit solch erzählerischer Leichtigkeit und Humor.

Auch Tragödien lassen sich mit Leichtigkeit und Humor erzählen, ohne dass man sie schönredet oder respektlos gegenüber dem Schmerz anderer ist. Was es dafür braucht, ist neben einem Sinn fürs Schräge wohl vor allem Liebe. Ich finde, Humor ist eine Form von Liebe. Und eine der besten Überlebensstrategien, die ich kenne.

»Das war nicht nur Recherche, sondern schweißtreibende Versöhnung.«

Spielt das Thema Judentum in Ihrem eigenen Leben eine Rolle?

Ich bin die Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen Mutter. Nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz, ist nur Jude, wer eine jüdische Mutter hat. Aber ich bin durch meine Geburt auf eine bestimmte Weise mit dem Judentum verbunden, das ist einfach so. Ein jüdischer Vater, der im KZ war, gibt seinen Kindern vielleicht nicht seine Religion, aber gewiss seine Traumata weiter. Darum hieß der Arbeitstitel meines Buchs auch „Vaterjuden“, weil dieser Begriff sehr präzise das Dilemma der drei Geschwister beschreibt: durch den jüdischen Vater in die Geschichte hineingezogen, durch die nicht-jüdische Mutter außen vor.

Ich weiß, dass das für viele Leute ein echtes Problem ist. Wenn man das Wort „Vaterjuden“ bei Google eingibt, kann man eine Menge darüber nachlesen. Ich hatte in dieser Hinsicht Glück: Was viele als Zerrissenheit erleben, empfinde ich als Verbundenheit, ohne dass ich jemals den Wunsch gehabt hätte, zu konvertieren.

Aus „Vaterjuden“ wurde also „Ein fabelhafter Lügner“ …

Ja, und inzwischen bin ich sehr glücklich mit diesem Titel, weil es eben nicht nur ein Roman über jüdische Identität ist. Es geht ja auch um chaotische Familienverhältnisse, um die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und nicht zuletzt auch um die Frage, wie frei ein Mensch bei der Gestaltung seiner eigenen Biografie eigentlich ist.

Haben Sie vor Ort in Weimar für Ihren Roman recherchiert?

Ich war mehrmals dort, zu allen Jahreszeiten. Ich bin auf dem Buchenwald-Gelände durchs Unterholz gekrochen, habe Routen berechnet und Schritte gezählt und endlos Steine fotografiert. Das war nicht nur Recherche, sondern schweißtreibende Versöhnung. Ich teile Lilys Aversion gegen die Gebäude dort, aber ich habe es zumindest in die Ausstellungen geschafft. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte sind einfach großartig. Ich finde, jeder Mensch sollte einmal im Leben in Buchenwald gewesen sein, um seinen Frieden mit diesem Ort zu machen. Und ich habe sehr freundliche und entgegenkommende Polizeibeamte in Weimar kennengelernt.

Wie kam es überhaupt zu diesem späten Debüt als Romanautorin?

Weil es noch so viele andere Dinge in meinem Leben gab, die ich gern gemacht habe und spannend fand. Illustrationen, Layout, Werbung, Übersetzungen, Redaktion. Ich habe als Ghostwriter ein Buch über Bluthochdruck geschrieben und eine Ausbildung zum Business-Coach gemacht. Ich bin einfach erst mit Ende vierzig dazu gekommen, einen Roman zu schreiben.

Und wie geht es jetzt weiter? Ist schon ein neuer Roman in Planung?

Ja. Nachdem ich die vielen anderen Sachen zuerst erledigt habe, kann ich jetzt in Ruhe über alles schreiben. Ist doch eine prima Reihenfolge, oder?

Frau Pásztor, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch!

© Kiepenheuer & Witsch

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