Im Interview:

Sibylle Herbert

Sibylle Herbert

In Bin ich zu blöd? Der Handy-Hotline-Technik-Terror beschreibt die Journalistin Sibylle Herbert die Absurditäten des modernen Alltags, die jeden von uns tagtäglich überfordern und auf die Palme bringen. Im Interview mit Kiepenheuer & Witsch erzählt sie, dass wir nicht alleine blöd sind und was wir gegen Blödheitsfallen tun können.

»Jeder erlebt sein persönliches Absurdistan.«

Frau Herbert, sind Sie zu blöd?

Ja, manchmal fühle ich mich für diese Welt zu blöde – wie ist es mit Ihnen? Haushaltsgeräte, Callcenter, Automaten bringen mich manchmal an meine Grenzen. Da stehe ich vor einer Poststation und das Lesegerät ist partout nicht bereit, den Code zu akzeptieren. Hä? Da schaffe ich es nicht einmal, bei einer Mikrowelle die Uhr einzustellen, scheitere an den neuen Sicherheitsupdates für mein Betriebssystem oder lande im Nirwana, wenn ich an einer Hotline – »Drücken Sie bitte die Eins« – eine läppische Auskunft haben möchte. HILFE! In solchen Momenten fühle ich mich zu blöd… und frage mich, bin nur ich so blöd? Dabei erlebt jeder sein persönliches Absurdistan und fragt sich insgeheim, ob er den Herausforderungen der modernen Gesellschaft gewachsen ist.

Wie kann man im Alltag Blödheitsfallen umgehen?

Ganz wird man diesen Fallen nicht entgehen können, denn sie sind gestaltendes Element unserer virtuellen Lebenswelt. Jedes neue Gerät, jede Dienstleistung, alles im digitalen Zeitalter enthält Stolperfallen, die uns an die Grenzen unserer Fähigkeiten bringen. Aber helfen kann zum Beispiel:

- sich klar zu machen, dass diese gefühlte Überforderung ein Phänomen unserer Zeit ist und nicht ein Versagen des Einzelnen. Die Beschäftigung mit der Thematik und das Schreiben des Buches war für mich heilsam: Ich bin nicht allein blöd =)

- sich zu überlegen, ob man alles mitmachen muss. Brauche ich ein Smartphone, wenn ich nur telefonieren und SMS schreiben will? Man ist nicht blöd, wenn man auf Einfachheit setzt und einen Arbeitsspeicher mit 6.144 MB 1.067 MHz Tri-Channel DDR3 SDRAM ablehnt.

- sich mit neuen Technologien und Techniken Zeit zu lassen. Man braucht Zeit um sie zu lernen. Gibt man sich diese Zeit nicht, ist es normal, dass man scheitert.

Fühlen Sie sich als digitale Einwanderin? Werden Sie von jungen, digitalen Eingeborenen ausgegrenzt?

Alle nach 1980 Geborenen zählen für die Wissenschaft zu den digitalen Eingeborenen. Computerspiele, Internet, Handys wurden ihnen fast in die Wiege gelegt und führen zu einem selbstverständlichen Umgang mit der digitalen Welt. Ich bin früher geboren – also bin ich ein digitaler Einwanderer. Das bedeutet: Ich bin nicht mit neuen digitalen Technologien groß geworden, sondern mit Puppen, Modelleisenbahn und Stabilbaukasten. Mein Denken, meine Denkstrukturen und -muster sind anders als die der jungen Generation. Klar habe ich manchmal das Gefühl, ich werde für blöd gehalten, wenn ich an einer neuen Systemkonfiguration scheitere oder den verdammten DVD-Rekorder nicht zum Laufen bekomme. Meine Tochter – digitale Eingeborene – sagt dann immer: „Ach Mama….“ Noch bemühe ich mich, mitzuhalten und schaffe das leidlich, aber ich kenne bei der Generation meiner Eltern das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, vom Fortschritt abgeschnitten zu sein, weil man sich nicht mehr zutraut, eine simple Fahrkarte an einem Automaten zu kaufen. Älteren Menschen fehlt häufig das Basiswissen, um solche Fahrkartencomputer zu bedienen: Was ist ein Touchscreen? Was bedeutet der Pfeil? Was bedeutet die Taste „C“?

»Die ganze Welt ist im McDonalds-Fieber.«

Sie schreiben von einer »McDonaldisierung« unserer Gesellschaft. Was ist damit gemeint?

Unser Leben ähnelt einem Fastfood-Restaurant, wie der Soziologe George Ritzer beschreibt. Wir machen alles selbst. Wir sind unsere eigenen Kellner, Bankangestellte, Stromableser, Bankberater, Schaffner, Postboten, Kassierer, Techniker, Tankwarte und Softwareexperten… Alle diese Aufgaben sind auf uns Verbraucher übertragen worden – ohne uns zu fragen. Die ganze Gesellschaft ist im McDonalds-Fieber, das Konzept ist: Alles selber machen… aber damit ist man mehr und mehr überfordert.

Können Sie uns sagen, was ein DAU ist?

Das sind Menschen, die sich von ihrem Computer nicht verstanden fühlen, ihn sogar beschimpfen, schlagen oder zertrümmern. DAU’s gelingt es auch, mit ihrem neuen Auto stehen zu bleiben, das gar nicht stehen bleiben kann. Andere dumme Nutzer sind nicht in der Lage, einem Bahnautomaten einen Fahrschein zu entlocken. DAU’s sind dümmste anzunehmende Nutzer. Kein Begriff übrigens, den ich erfunden habe, sondern die Wortschöpfung haben wir der Informationstechnologie zu verdanken – in Anlehnung an den auf Atomkraftwerke gemünzten Begriff „GAU“. Wir alle sind DAU’s, weil wir große Denk- und Anwendungsfehler machen… das meinen jedenfalls die Entwickler. Eigentlich wird umgekehrt ein Schuh draus. Denn nicht wird sind die DAU’s, sondern die Produkte sind die DEP’s – dumm entwickelte Produkte. Forscher sollten uns mit ihren Entwicklungen das Leben einfacher machen und nicht erschweren.

Haben Sie Hoffnung, dass sich dieser ganze »Handy-Hotline-Technik-Terror« bessern wird?

Ja, wenn Entwickler endlich beginnen, vom Benutzer ausgehend zu denken. Auf einem Schreibtischstuhl will ich sitzen und nicht erst in einer DVD lernen, was integrated lumbar support, sliding seat oder ein ballpoint system ist. Ja, wenn die Politiker Deregulierung endlich als das sehen, was sie auch ist: Alles, was geregelt war, ist dann nicht mehr geregelt. Wer sich früher zurechtgefunden hat, findet sich dann nicht mehr zurecht. Egal ob es sich um Handytarife (Solomo 0/8/5, T-mobile Relax, 02 Loop S, oder Mobilcom Time & Moore All in 1000), Stromtarife („stromistbillig“, „HalloSpar!“, „LichtBlick“) oder Riesterente (Wohnriestern, private Riesterrente oder besser einen Riester-Fondsparplan) handelt. Das alles soll mehr Wettbewerb bringen und den Kunden glücklich machen, weil die Dienstleistung weniger kostet. In Wahrheit bedeutet Deregulierung aber für den einzelnen: Er ist ununterbrochen aufgerufen, sich zu informieren, zu vergleichen… und billiger wird’s auch nicht.

Und schließlich kann man dem Handy-Hotline-Technik-Terror entrinnen, indem man

- sich entschließt, nicht jeden technischen Trend mitzumachen

- gezielt nach „einfach“ fragt, und sich von den vielen Funktionen nicht mehr blenden lässt

- aufhört an sich selbst zu zweifeln: Denn nicht wir sind blöd, sondern die Welt, in der wir uns bewegen.

© Kiepenheuer & Witsch


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