Im Interview:

Mark Sarvas

Mark Sarvas

Mark Sarvas ist der Gründer des Literaturblogs The Elegant Variation, der vom Guardian zu einem der zehn besten Blogs dieser Art gewählt wurde. Seine Literatur-Rezensionen erscheinen außerdem u.a. im New York Times Book Review, Philadelphia Inquirer und im Los Angeles Review. Er hat Drehbücher für HBO und Warner Brothers geschrieben und Erzählungen in verschiedenen literarischen Zeitschriften veröffentlicht.

»Sarvas seziert mit sicherer Hand die Absurditäten des Lebens im 21. Jahrhundert … Kaufen!« New York Magazine

»Selbstzweifel war noch nie so lustig, und Sarvas’ Beschreibung seines gequälten Antihelden ist großartig.« Los Angeles Magazine

»… eine selbstbewusste, witzige und überzeugende Geschichte.« Publishers Weekly

»Es gibt mehr zu entdecken, wenn die Figur nicht ganz linientreu ist.«

Mr. Sarvas, bevor Sie der Mann hinter The Elegant Variation, einem sehr erfolgreichen Literaturblog waren, haben Sie als Drehbuchautor, Kurzgeschichtenschreiber und Buchrezensent gearbeitet. Außerdem haben Sie gerade Ihren ersten Roman Harry, die Zweite veröffentlicht. Das heißt, dass Sie den Literaturbetrieb aus verschiedenen Perspektiven kennen. Was bedeutet Ihnen die Literatur? Hat sich Ihre Arbeit mit Texten in den letzten Jahren gewandelt?

Ich weiß nicht alles über den Literaturbetrieb – je mehr ich darin involviert bin, desto stärker merke ich, wie wenig ich darüber weiß. Das ist keine falsche Bescheidenheit – ich habe von diesem verworrenen, komplizierten Business mit all seinen Dimensionen nur einen vagen Schimmer. Um es mit Italo Calvino auszudrücken: Literatur ist das Schreiben von bleibenden Werten. Wir leben in einem Wegwerfzeitalter, daher ist meine Idee von Literatur jedes Schreiben, das Potential hat, um in einer oder zwei Generationen gelesen zu werden. Etwas, dass durch mehrere Generationen zu uns spricht und konstant durch alle Umbrüche bleibt. Meine Arbeit mit Literatur hat sich insofern verändert, als dass ich meinen eigenen Roman geschrieben habe und einiges an Verständnis erlangt habe. Mit der Zeit wurde ich sorgfältiger im Umgang mit meinen Überlegungen bezüglich der Arbeit anderer. Ich bin sehr viel aufmerksamer geworden was Details und Absichten betrifft.

Ihr Blog hat einige Auszeichnungen gewonnen. Was haben Sie über neue Möglichkeiten und Herausforderungen mit den Neuen Medien im Literaturbetrieb gelernt?

Ich weiß jetzt, dass es ein Publikum gibt, das hungrig auf intelligente, beständige und unterhaltsame News und Diskussionen bezüglich Bücher ist. Meine Leserschaft wächst von Jahr zu Jahr beständig weiter und dies suggeriert, dass die Situation der Literatur nicht annähernd so katastrophal ist, wie wir geglaubt haben.

Haben Sie Vorbilder, von denen Sie sich bei der Arbeit inspirieren lassen?

Ich bin ein großer Fan von John Banville, ich schätze, es gibt eine Verwandtschaft zwischen seiner Sensibilität und meiner. Der Kritiker James Wood hat definitiv einen starken Einfluss darauf, was meine Ansichten über die Konstruktion eines Buches betrifft. Und Zadie Smith hat mich durch ihre Ausgelassenheit beeinflusst, etwas was ich als ziemlich befreiend empfinde. Und, nach all der Zeit, inspiriert mich Fitzgerald immer noch, er erneuert meine Energie und Hingabe jedes Mal aufs Neue.

Ihr erster Roman, Harry, die Zweite, erzählt die Geschichte von Harry Rent und seinem Leben nach dem Tod seiner Frau. Anstatt um sie zu trauern, entwickelt Harry einen bizarren Plan, um sich zu einem ehrenhaften Gentleman zu wandeln und so das Herz der Kellnerin Molly zu gewinnen. Welche Erfahrungen und Gedanken haben Sie beeinflusst, als Sie die Figur Harry erschaffen haben?

Ich bekam einen Anruf von einem nahen Freund, der mich darauf hingewiesen hat, dass eine gemeinsame Freundin durch eine Schönheitsoperation gestorben ist. Ich war betroffen von der Tatsache, dass sich diese attraktive, erfolgreiche und lebhafte Frau ohne Bedenken unters Messer gelegt hatte. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie das getan hatte, und ich entschied sofort- weil ich von den Frauen in meinem Leben gut darauf trainiert worden bin -, dass es die Schuld ihres Mannes sein musste. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er sich fühlen musste, wie er in den Spiegel schauen konnte – damit begann sich die Geschichte zu entwickeln. Ich fragte mich, wie wir uns verändern, was es bedeutet, sich zu verändern, wann immer eine Veränderung möglich ist. Diese Geschichte schien das perfekte Vehikel zu sein, um solche Ideen transportieren zu können.

Harry ist sozial untauglich, emotional leer und illoyal. Was ist der Grund den Protagonisten als einen schäbigen Taugenichts darzustellen, der versucht sich neu zu erfinden? Warum haben Sie einen tragischen Antihelden kreiert?

Ich finde Protagonisten mit Charaktermängeln interessanter. Ich bin ein großer Bewunderer von Graham Greene und seinen verdorbenen, aber sonderbar sympathischen Helden. Ich denke, dass es mehr zu entdecken gibt, wenn die Figur nicht ganz linientreu ist.

Warum haben Sie die Struktur der Rückblenden in Ihrem Roman gewählt?

Ich weiß keine passendere Antwort als »Es hat sich richtig angefühlt«. Es gibt ungeheuer viele Arten, auf die ein Schriftsteller eine Geschichte erzählen kann, doch am Ende kommt es sehr oft auf den Instinkt an. Meine Erfahrungen als Drehbuchautor haben mir gezeigt, dass Struktur von Anfang an sehr wichtig ist. Ich habe mich entschieden, die Rückblenden zu nutzen, um herauszustellen, dass Harrys Frau Anna nach und nach in unseren Fokus tritt – so wie sie auch immer mehr Gestalt in Harrys kummervollen Gedanken annimmt.

Der Graf von Monte Christo spielt eine sehr große Rolle in dem Roman. Warum haben Sie dieses Buch gewählt? Hat dieser Klassiker irgendeine persönliche Bedeutung für Sie?

Nun ja, es ist einer der beispiellosen großen Klassiker. Auch in der ungekürzten Fassung ist es bis zum Ende ein fesselndes Buch mit eindringlichen Charakteren und heftigen Auseinandersetzungen. Dumas weiß, wie er eine überzeugende Geschichte erzählt, und das ist etwas, was in der Welt der zeitgenössischen Literatur abgewertet wird. Ich habe Witze darüber gemacht, dass Harry, die Zweite entweder zu literarisch für den kommerziellen Geschmack und zu kommerziell für den literarischen Geschmack sein würde oder es würde die Geister scheiden und ins Schwarze treffen. Die Jury hat noch nicht entschieden.

Was ist Ihr nächstes Projekt? Haben Sie Pläne?

Mein momentaner Plan ist es, mich auf die Geburt meiner Tochter im Juni vorzubereiten. Sie können sich vorstellen, dass dies viele andere Projekte nach hinten schiebt. Aber ich habe schon begonnen, an meinem zweiten Roman zu arbeiten, allerdings zögere ich noch, genaueres zu sagen. Nur so viel: Es ist sehr viel autobiographischer als Harry, die Zweite und wird von Vätern, Großvätern und Söhnen als sowie von Ungarn vor und nach dem Krieg handeln.

© Kiepenheuer & Witsch


Harry, die Zweite

Mark Sarvas

Harry, die ZweiteRoman

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 20.02.2009

Vorhang auf für Harry Rent: sympathischer Loser sucht die Liebe – und findet sich selbst

Der Debütroman des amerikanischen Autors Mark Sarvas erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit dem Wahnwitz der Verzweiflung versucht, mit sich ins Reine zu kommen. Absurd, witzig, ...


Hörprobe »Harry, die Zweite«

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