Im Interview:

Maria Sveland

Maria Sveland

»Dieses Buch kann mehr für die Gleichberechtigung tun als alle Reden dieser Welt.« – das schrieb die schwedische Zeitung – Expressen zu Maria Svelands Roman Bitterfotze. Ein Roman, der nicht nur in Schweden heftige Reaktionen auslöste, sondern auch im Haus Kiepenheuer & Witsch. Die Diskussion war so erhitzt, dass ein (männlicher) Verlagsmitarbeiter beleidigt das Zimmer verließ und noch Stunden später kleine Grüppchen auf dem Gang zusammenstanden, um sich auszutauschen. Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist ein Thema, das nichts von seiner Aktualität verloren hat, im Gegenteil: Es war schon mal besser.

Im Interview erzählt Maria Sveland warum sie den Titel »Bitterfotze« gewählt hat und wie sie Schwedens Image als »emanzipiertes« Land beurteilt.

»Eine Bitterfotze ist eine Reaktion auf eine kranke Gesellschaft.«


Was ist eine »Bitterfotze«?

Eine Bitterfotze ist das Gegenteil einer weiblichen Märtyrerin. Eine weibliche Märtyrerin ist eine Frau, die gelernt hat, Ungerechtigkeit freundlich und widerstandslos hinzunehmen, die stets süß, ruhig und höflich ist, und die den Schmerz und Ärger immer herunterschluckt anstatt alles heraus zu lassen. Sie würde niemals eine Revolution anführen. Eine Bitterfotze hingegen schon. Sie ist im Gegensatz zur weiblichen Märtyrerin eine Frau, die die Schnauze voll hat, die ihren Ärger ernst nimmt und ihn nutzt, um Ungerechtigkeiten konstruktiv entgegenzutreten. Ihr geht es darum, sich zu wehren und nichts mehr einfach so hinzunehmen. Sie ist eine Reaktion auf eine kranke Gesellschaft. Denn wir wissen alle, dass es für Frauen und Mädchen heutzutage genug Gründe gibt, um sauer, verärgert, angekotzt, traurig und verbittert zu sein. Eine Bitterfotze zu sein, ist der einzige Weg, als Frau in dieser Welt zu überleben und nicht verrückt zu werden.

Warum haben Sie diesen Titel für Ihr Buch gewählt?

Der Titel Bitterfotze ist eine Art Selbstverteidigung. Sowohl »verbittert« als auch »Fotze« sind beides Wörter, die von Männern genutzt werden, um Frauen und Mädchen zu diffamieren. Ich habe erwartet, dass man mich und mein Buch genauso abstempeln würde, da das ja immer passiert, wenn Frauen sich nicht der Norm entsprechend verhalten. Ich habe mein Buch also so genannt, damit es niemand anderes tut.

Einige Journalisten haben mir vorgeworfen, dass ich den Titel nur als PR-Gag gewählt hätte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber tatsächlich mussten mein Lektor und ich hart für den Titel kämpfen. Die PR-Abteilung meines schwedischen Verlags Norstedts war sehr skeptisch, weil sie dort Angst hatten, dass der Titel die Leser vergraulen würde. Ich bin sehr froh, dass wir uns durchgesetzt haben, da ich finde, dass der Titel brillant und folgerichtig ist. Und wenn man bedenkt, dass in Schweden über 150.000 Exemplare verkauft wurden, scheint es, dass die meisten Leser den Titel akzeptiert haben.

Ihr Buch hat trotz der hohen Verkaufszahlen auch bei den Lesern heftige Reaktionen hervorgerufen. Konnten sich die Leser mit dem Text identifizieren, oder reagierten sie eher mit Ablehnung?

Ich bekomme immer noch jeden Tag E-Mails von Leserinnen und Lesern und die meisten bedanken sich bei mir, da das Buch ihnen ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt hat. Zuvor dachten sie, sie seien allein mit ihren Problemen. Denn was innerhalb von Familien und in Beziehungen passiert, ist immer noch ein Tabu und wird traditionell still ertragen, eben weil es sich nicht gehört, seine Probleme nach außen zu tragen. Aber damit zerstört man sich. Wir müssen ehrlich miteinander sein, denn nur dann werden wir herausfinden, dass viele die gleichen Probleme haben. Und natürlich teilen wir diese Probleme, denn schließlich leben wir in der gleichen Gesellschaft – eine Gesellschaft, die unsere Vorstellungen über »Männlichkeit«, »Weiblichkeit«, »Vater« und »Mutter« prägt und wie »Liebe« schmecken, riechen und sein soll. Mein Buch scheint also Augen geöffnet zu haben und funktioniert als Weckruf.

Wer sind Ihre Leser?

Überraschenderweise sind meine Leser sowohl Männer als auch Frauen jeden Alters. Mütter geben es ihren Töchtern und Väter diskutieren es mit ihren Kindern. Eigentlich bin ich ja davon ausgegangen, dass mein Buch hauptsächlich von Frauen meines Alters und mit einer ähnlich radikalen Denkweise gelesen würde, aber den vielen E-Mails nach zu urteilen, sind meine Leser in ganz Schweden verteilt und kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Das ist wirklich wundervoll.

Gab es öffentliche Reaktionen von schwedischen Politikern?

Nicht direkt. Ich habe nur gehört, dass das Thema in Politikerkreisen rege diskutiert worden sein soll.

»Ich wünsche mir, dass wir endlich anfangen über Elternschaft anstatt immer nur über Mutterschaft zu reden.«

Warum haben Sie für solch ein persönliches Thema die Romanform gewählt?

Zunächst wollte ich ein Sachbuch schreiben, da ich ja auch eine Journalistin bin, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich meine Standpunkte effizienter darstellen kann, wenn ich die Fiktion nutze. Sie hat mir ermöglicht, genau das zu sagen, was ich sagen wollte – ohne jegliche Grenzen und chronologische Strukturen.

Hat das Buch Ihre Situation als Frau verändert?

Nicht wirklich. Außer dass ich nun als professionelle Autorin arbeiten kann und das macht mich glücklich.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Frauenbewegung seit den 60er Jahren bis heute?

Die Frauenbewegung ist eine der erfolgreichsten politischen Bewegungen des vergangenen Jahrtausends. Sie hat jede Menge wichtige Veränderungen hervorgebracht. Nichtsdestotrotz dürfen wir nicht vergessen, dass es noch viel zu tun gibt. Ein paar Beispiele: Ein Drittel aller Frauen weltweit erfährt Gewalt in ihrem Leben; viele Länder haben keine ausreichenden Gesetze gegen sexuellen und körperlichen Missbrauch; Frauen auf der ganzen Welt werden in ihrem Job systematisch benachteiligt, und das nicht nur wirtschaftlich (d. h. durch geringere Gehälter). Ich könnte ewig so fortfahren, es gibt Hunderte Beispiele. Aber eine der wichtigsten Aufgaben der Frauenbewegung in Europa muss die Aufhebung der Ungerechtigkeiten innerhalb von Familien und Beziehungen sein. Ich meine vor allem die alltägliche, manchmal fast unsichtbare Unterdrückung, die angeblich im Namen der Liebe stattfindet und immer wieder mit dem biologischen Argument entschuldigt wird, dass Männer eben anders seien als Frauen.

Was können wir heute tun?

Wir wissen, dass Frauen hauptsächlich die Kindeserziehung und den Haushalt managen, was natürlich ihr Leben und ihre Karrieren ernsthaft einschränkt. Außerdem ist es ihnen selten möglich, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Es gibt jede Menge Studien darüber, dass diese Ungleichberechtigungen die Gesundheit der Frauen (sowohl physisch als auch psychisch) beeinträchtigt. Das zieht natürlich immense Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft nach sich. Unsere Hauptaufgabe ist es also, eine reale Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zu erreichen.

Schweden gilt in vielen europäischen Ländern als Vorreiter in Sachen Emanzipation und Kinderbetreuung. Wie sehen Sie das?

Ja, das stimmt. Schweden ist in Sachen Emanzipation schon ziemlich weit. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Tatsache, eines der gleichberechtigsten Länder der Welt zu sein und tatsächlich gleichberechtigt zu sein. Nur weil wir sehr fortschrittlich sind, heißt das nicht, dass es keine Ungerechtigkeiten mehr gibt – es gibt immer noch sehr viele Dinge, die geklärt werden müssen. Oft wird das weit verbreitete, schon ziemlich selbstgerechte Image Schwedens als gleichberechtigtes Land benutzt, um kritische Stimmen mundtot zu machen, um uns vor den Kopf zu stoßen. Wir sollen zufrieden, dankbar und ruhig sein, weil wir bereits so fortschrittlich sind. Aber wir werden nicht aufgeben, solange wir keine totale Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in allen Bereichen des Lebens erlangt haben.

Unter den Bedingungen der Globalisierung wird von Berufstätigen immer mehr Flexibilität und die Bereitschaft zu Überstunden erwartet. Hat das die Situation von arbeitenden Müttern verschlechtert? Ist es möglich, Kinder und Karriere zu vereinbaren?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Globalisierung und das damit einhergehende Flexibilitätsgebot Probleme für arbeitende Mütter darstellt. Ich würde sagen, dass das Hauptproblem die dauerhafte Ungleichbehandlung ist. Solange wir die mütterliche Präsenz als selbstverständlich ansehen und die väterliche Abwesenheit als normal und naturgemäß, wird es hart sein, jemals eine Gleichberechtigung zu erreichen. Ich finde es erstrebenswert, dass Elternschaft als eine Verantwortung (und Freude) von Müttern und Vätern gleichermaßen empfunden wird. Ich wünsche mir, dass alle Frauen von diesen schwachsinnigen Mythen rund um die perfekte Mutter und dem ganzen Mist drum herum befreit werden, und wir endlich anfangen über Elternschaft anstatt immer nur über Mutterschaft zu reden. Wenn Männer und Frauen sich die Erziehung der Kinder gleichberechtigt teilen würden, könnten Frauen eine Karriere haben und Beruf und Familie verbinden. Das erfordert natürlich viele gesellschaftliche Hilfen und Einrichtungen, wie ausreichende Kindertagesstätten, die das ermöglichen.

© Kiepenheuer & Witsch


Bitterfotze

Maria Sveland

BitterfotzeRoman

Broschur, Erscheinungsdatum: 24.02.2009

»Dieses Buch kann mehr für die Gleichberechtigung tun als alle Reden dieser Welt.« Expressen

Ein Roman, der hier im Haus so heftige Diskussionen auslöste, dass ein (männlicher) Kollege beleidigt das Zimmer verließ und noch Stunden später kleine Grüppchen auf dem Gang ...


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