Im Interview:

Manuel Andrack

Von wem habe ich das bloß ist spannend wie Karl May, komisch wie Helge Schneider, abenteuerlustig wie Reinhold Messner, gelehrt wie Kant, weise wie der Dalai Lama und lehrreich wie ein Ratgeber von Dietrich Grönemeyer. Manuel Andrack begibt sich auf eine Rutschpartie in die eigene Familiengeschichte.

Familienforschung wie Manuel Andrack sie betreibt, ist atemlos und risikoreich. Familien sind ja per se heikel. Aber da sind auch diese vielen Fragen, die jeder gern beantwortet hätte: Was für ein Mensch war mein Großvater? Wie lebten meine Urgroßeltern? Hoppla, mein Großvater war ja schon mal verheiratet. Wieso weiß ich das nicht? Andrack, das klingt doch irgendwie französisch? Was ist mit ausgewanderten Andracks in Amerika?

Im Interview erzählt Manuel Andrack von Kuriositäten und Familiengeheimnissen, die ihm beim Stöbern nach den Wurzeln seiner Ahnen begegnet sind.

»Ich dachte Familienforschung ist ein Ü-40-Ding«

Ahnenforschung liegt im Trend. Schätzungen zufolge sind allein in den USA über 100 Millionen Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln. Was glauben Sie, warum ist das Interesse an der eigenen Herkunft in den vergangenen Jahren gestiegen?

Das hat zwei Ursachen. Zum Einen gibt es einen technischen Grund: Die Ahnenforschung ist durch das Internet leichter geworden. In den letzten Jahren sind zahlreiche themenspezifische Internetseiten aus dem Boden gesprossen und so gibt es ganz andere Möglichkeiten als noch vor zehn, fünfzehn Jahren.
Und ich glaube, das hat auch etwas damit zu tun, dass es früher die klassische Großfamilie gab. Die Menschen hatten viele Kinder und der Kontakt zu den Großeltern war intensiver, sodass kein großes Bedürfnis bestand, herauszufinden in welchem Familienzusammenhang man sich befindet. Heute wollen viele Menschen wissen, wo sie positioniert sind, in ihrer eigenen Familie und in der Geschichte ihrer Familie.

Den ersten Versuch die Geschichte Ihrer Familie zu rekonstruieren begannen Sie mit 23 Jahren. Was hat Sie damals daran gehindert, weiter zu recherchieren?

Damals im Studium war ich »zu früh dran«. Ich dachte Familienforschung ist ein Ü-40-Ding. Ich habe mich zwar schon dafür interessiert, aber der richtige Impuls, mich intensiv damit zu beschäftigen, war nicht da. Da muss man eben tausend andere Sachen machen, das Studium zu Ende bringen, eine Familie gründen und so weiter. Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Außerdem gab es da noch ein persönliches Ding. Meinem Vater ging es vor zwei Jahren sehr schlecht und der hat sich immer sehr für Familienforschung interessiert. Er ist aber nie dazu gekommen, selbst zu forschen. Also musste das jetzt passieren, damit er das Buch noch in den Händen halten kann. Das war der ganz persönliche Impuls los zu legen. Sonst schiebt man das ja immer gerne auf die lange Bank und denkt, das mache ich, wenn ich irgendwann pensioniert bin. Ich hatte aber keine Lust noch 25 Jahre zu warten.

Mit jedem Schritt in die Vergangenheit haben Sie einen Teil der eigenen Geschichte kennen gelernt. Welche Information hat Sie auf Ihrer Spur nach den eigenen Ahnen am meisten beeindruckt oder überascht?

Das Ergebnis oder das Highlight gibt es bei meiner Ahnenforschung nicht. Für mich war das Schöne oder das Befriedigende eher die Summe der ganzen Kleinigkeiten, die ich herausgefunden habe.

Es gab also keinen Onkel in Südafrika, von dem Sie noch nichts gehört hatten?

Nein leider nicht. Ich hätte gerne reiche Verwandte mit dem Schloss an der Loire kennen gelernt – das hätte ich super gefunden.
Dennoch habe ich viel Tolles erlebt: Ich wurde von Rosemarie und Helmut Andrack, die ich in Zeischa, dem Herkunftsort meines Urgroßvaters, aufgetan habe, zum Beispiel schon jetzt zu ihrer Goldenen Hochzeit 2012 eingeladen.

Das klingt ja schon nach einer richtigen Familienzusammenführung.

Ja richtig, das ist dann auch nicht nur so ein Lippenbekenntnis, sondern fernab von dem Andrack-Treffen, welches ich nächstes oder übernächstes Jahr plane, vielmehr eine Einladung als Familienmitglied. Das finde ich sehr schön, dass sich das daraus entwickelt hat.

Welcher Rechercheweg ist Ihrer Meinung nach am effektivsten, um selbständig Ahnenforschung zu betreiben? Hat sich das Internet als hilfreiches Mittel heraus gestellt?

Der Königsweg der Recherche ist immer noch die Arbeit in den Archiven, die mittlerweile sehr gut organisiert sind. Zumindest die, die ich besucht habe und das sind zwei der wichtigsten in Deutschland, nämlich Brühl und Berlin.
Das Internet ist eine schöne Spielerei, hat mich aber im Endeffekt nicht weiter gebracht. Die meisten Seiten beziehen ihr Material aus amerikanischen Quellen. Für Europäer oder Deutsche sind die Informationen eben oft nicht über das Internet zu bekommen. Es kann sein, dass es in einem Jahrzehnt soweit ist, aber wenn nicht zufällig die Familie nach Amerika ausgewandert ist, sondern die Ahnen wie bei mir zum einen Teil aus der Nordeifel und zum anderen Teil aus der Gegend um Cottbus und Bautzen kommen, dann hat man keine Chance etwas über das Internet herauszufinden.
Auch so etwas wie Stammbäume basteln macht man besser zu Fuß als online. Im Internet kann man natürlich auch auf einige Kuriositäten stoßen, wie auf Andracks aus der Vergangenheit, die in England als Musiker gelebt haben oder auf diesem und jenem Schiff ausgewandert sind – das ist alles sehr interessant, bringt einen bei ernsthafter Forschung nach den direkten Vorfahren aber oft nicht weiter.

Sie haben viel über Ihre Familie erfahren, indem sie Stammbäume und Urkunden aus der Zeit des Nationalsozialismus ausgewertet haben. Wie schwierig war es, an sinnvolle Informationen zu kommen?

Die Archivarbeit ist meist leichter, als man es sich vorstellt. Da wurden einige Hürden und Barrieren nieder gerissen – die Servicebereitschaft der Archivare ist wirklich beeindruckend. Dort wird jedem Novizen, so auch mir, mit einer Engelsgeduld erklärt, wie ihr Betrieb funktioniert, wie man an Informationen kommt und was man wo beachten muss. Das ist wirklich ganz toll.
Informationen ab 1870 sind allerdings meist in den Standesämtern zu finden und da kommt man nicht selbständig heran. Wenn man aber vor 1870 sucht, kann man einfach in die Archive gehen. In Berlin muss man sich anmelden, da gibt es eine Wartezeit, aber in Brühl und Detmold kann man sich ganz leicht die entsprechenden Unterlagen heraussuchen. In der Zeit, in der ich dort öfter saß, kamen immer wieder alte Hasen, die das professionell machen, ebenso wie ältere Damen, die etwas über ihre Vorfahren wissen möchten.

»Unsere Familienfeste werden künftig bunter und lebhafter sein«

Haben Sie sich verändert seitdem Sie mehr über Ihre Ahnen wissen?

Nein. Mein Leben hat sich nicht sehr verändert und ich bin kein Anderer geworden. Aber ich bin schlauer geworden. Und ich habe neue Verwandte hinzubekommen. Ich finde es toll, dass sich durch meine Arbeit die Verwandtschaft nicht nur verdoppelt, sondern sogar verdreifacht hat. Die Familienfeste werden künftig also ein bisschen bunter, größer, lauter und lebhafter.

Ihr Buch beweist: Namen sind alles andere als Schall und Rauch. Welche von Ihnen entdeckte Namensbedeutung hat Sie am meisten zum Schmunzeln gebracht?

Ich finde die Beschäftigung mit der Namensforschung ganz interessant, weil das ein Wissensgebiet ist, auf dem man relativ schnell Grundkenntnisse erwerben kann. Da kann man beim Partyplausch mal eben den Nachnamen des Anderen analysieren. Ich bin ganz dankbar, dass es diese vier großen Kategorien der Namensbedeutung (Berufsnamen, Übernamen, Herkunftsnamen, Rufnamen) gibt und man relativ einfach nachvollziehen kann, dass auch Nachnamen, die international geläufig sind, einen gemeinsamen Ursprung haben. Dass zum Beispiel der Nachname Schmidt ebenso wie Smith auf »Schmied« zurückzuführen ist. Das sind solche Mini-Erkenntnisse, die meine Entdeckerfreude bestätigt haben. Bei der ganzen Ahnenforschung geht es ja auch um eine detektivische Suche und um das Entschlüsseln neuer Erkenntnisse: »Juhu! Ich weiß jetzt endlich was mein Nachname zu bedeuten hat!« und »Juhu! Ich habe noch einen Ahnen mehr gefunden!« Das macht Spaß!

Was halten Sie von der Idee des Genographic Projects, bei dem weltumspannend genetische Informationen gesammelt werden, um die Herkunft der eigenen Urahnen ausfindig zu machen?

Tja, die Idee finde ich natürlich großartig. Ich habe aber von verschiedenen Menschen gehört, dass sie von dem Ergebnis enttäuscht sind. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, dass sich die Initiatoren von National Geographic das anders vorgestellt haben und dass einfach die Messmenge zu dünn ist. Ich unterstelle denen keine Scharlatanerie, aber da tut sich halt einfach nichts. Und das was die einem schicken, das sind Erkenntnisse, da bräuchten sie eigentlich meinen Genabstrich nicht für. Das ist schon klar, dass man als Westeuropäer irgendwo aus der ukrainischen Steppe kommt und davor auch mal aus der Gegend um Persien und davor auch mal aus Ostafrika – das ist unsere Menschheitsgeschichte und nicht so sonderlich aufregend. Und dafür 129 $ zu zahlen, naja…

Wie würden Sie den Erfolg bezüglich der Suche nach Ihren eigenen Familienwurzeln bewerten? Fehlen Ihnen noch Puzzleteile, die Sie unbedingt finden möchten?

Ich finde, ich war schon recht erfolgreich. Obwohl ich natürlich gerne noch weiter gekommen wäre. Aber ich weiß ja jetzt, dass sich die Fürsten in meinem Stammbaum nicht mehr finden lassen und dass sowohl im Westen als auch im Osten diese Zweige auf sehr bäuerliche Strukturen zurückzuführen sind. Da es einfach keine Kirchenbuchaufzeichnungen vor 1700 gibt, bin ich jetzt ziemlich am Ende der Fahnenstange angelangt. Natürlich fehlen mir noch unendlich viele Puzzleteile, zum Beispiel habe ich die baltischen Zweige ein wenig vernachlässigt. Aber das muss ich wohl leider, wie die meisten, auf die ruhigeren Zeiten meines Lebens verschieben.

Das gehen Sie dann wohl doch im Rentenalter an, ja?

Ja, wahrscheinlich. Wobei ich das toll finde, dass ich dann im Unterschied zum Briefmarkensammeln nicht so ein ganz hohles Hobby habe. Sondern dass es sehr individuell ist, weil jeder natürlich etwas anderes herausfindet, da jeder eine andere Familie hat. Das finde ich eine sehr lohnende und, wenn man Erfolg hat, eine sehr befriedigende Tätigkeit.

Und vielleicht finden die Enkel meiner Kinder und deren Enkel später super, was ich herausgefunden habe.

Ich kann nur jedem raten, auch wenn der Antrieb erst einmal nicht da ist, sich in die Archive zu hocken. Auch die Nummer, die ich gemacht habe: das Leben der eigenen Eltern oder Großeltern mit Hilfe von Video- oder Tondokumenten aufzuzeichnen, das ist schon sehr lohnend. Ich habe viele Menschen gesprochen, die es sehr bedauern, dass die eigenen Eltern oder Großeltern nicht entsprechend gefragt wurden und das dann Informationen über bestimmte Lebensumstände, Biographien, Geschichten und Anekdoten unwiederbringlich verloren gehen. Peinlich finde ich, so etwas schnell am Sterbebett zu machen, deshalb versuche ich andere zu ermutigen diese Informationen jetzt zusammen zu tragen.

»Ist doch alles Quatsch mit diesen Genen, kommt doch alles auf die soziale Umgebung an.« Inwiefern hat sich dieser Ausspruch von Ihnen nach der Ahnenforschung relativiert oder bestätigt?

Eigentlich glaube ich das nicht. Ich bin vielmehr ein Befürworter der These: Alles geerbt und nichts dazu gelernt. Nachdem das Buch fertig war, kam die Nachricht, die Forscher hätten das menschliche Genom entschlüsselt. Andererseits wurde herausgefunden, dass sich Gene durch äußere Umstände verändern und anpassen können, sodass nicht jeder festgeschrieben und wie in Stein gemeißelt seinen Bausatz mit sich herumträgt. Es kommt eben auf die gesundheitlichen, körperlichen sowie auf die psychischen Lebensumstände an und von daher wird diese Diskussion wohl nie entschieden werden.

Weitere lieferbare Bücher des Autors

Wandern

Manuel Andrack

WandernDas deutsche Mittelgebirge für Amateure und Profis

Broschur, Erscheinungsdatum: 21.08.2006

In Wandern bekommen Sie das komplette deutsche Mittelgebirge und noch mehr!

Mehrere 1000 Kilometer Wanderwege ziehen sich durch die deutschen Mittelgebirge. Es gibt Qualitätswege und Fernwege, Naturschutzgebiete und Nationalparks. Wer soll da noch den Überblick behalten? Der »deutsche ...


zurück zur Übersicht der Interviews