Im Interview:

Lara Fritzsche

Lara Fritzsche

Lara Fritzsche hat für ihr erstes Buch Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten ein Jahr lang eine Abschlussklasse begleitet, um herauszufinden, was die Jugendlichen beschäftigt, wie sie mit Leistungsdruck, Jobsuche und den Neuen Medien umgehen. Warum sind verschiedene Profile im Internet so wichtig, was macht die Abiturienten zur Generation Casting?

Frau Fritzsche, Sie haben für Ihr im September erscheinendes Buch Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten eine Abiturklasse in ihrem letzten Jahr vor dem Abschluss begleitet, selbst sind Sie erst 25 Jahre – inwiefern hat der relativ geringe Abstand zur Abigeneration die Arbeit beeinflusst?

Ich denke, der geringe Altersunterschied hat die ganze Recherche beeinflusst. Ich hätte sicher dieselben Fragen stellen können und vielleicht auch dieselben ehrlichen Antworten bekommen, aber die Clique hätte mich wohl nicht zum Feiern mitgenommen, zum Abstürzen, zum Rumhängen. Dadurch, dass ich altersmäßig sehr nah dran bin, konnte ich einfach ab und an in der Gruppe verschwinden, war irgendwann nicht mehr die Journalistin, der Fremdkörper, sondern einfach eine junge Frau. Dadurch habe ich einen intensiveren und intimeren Einblick bekommen.

Die Jugendlichen werden als Digital Natives bezeichnet, die ohne Internet, Handy etc. kaum lebensfähig sind. Wie bewerten Sie den Umgang der Abiturienten mit den Neuen Medien?

Jugendliche gehen sehr verantwortungsbewusst mit den Neuen Medien um – zumindest die meisten, die ich kennen gelernt habe. Wenn man aufzählt, was sie zum Beispiel an Pornos sehen oder was sie in Social Communities preisgeben, dann klingt das befremdlich für ältere Generationen. Aber wenn man es mal von einer anderen Seite sieht, nämlich was sie noch ansehen und noch preisgeben könnten, dann sind die meisten recht vorsichtig und verantwortungsbewusst. Wer sich entschließt, die Selbstdarstellung im Netz komplett zu verweigern, der hat – um es mal überspitzt zu formulieren – bald darauf keine Freunde mehr.

»Wer die Selbstdarstellung im Netz komplett verweigert, der hat keine Freunde.«

Die Abiturienten legen sich zunehmend verschiedene Profile für unterschiedliche Lebensbereiche zu. Ständig sind sie dazu angehalten, ihre Stärken und Schwächen darzulegen – „sie begreifen das Leben als Casting und die ganze Welt als Jury“, sagen Sie. Inwieweit sind die Jugendlichen gezwungen Marketing-Strategen in eigener Sache zu sein?

Das, was sie möchten, steht nicht ausreichend zur Verfügung – diese Sorge teilen viele junge Menschen. Es gibt nicht genug Praktikumsplätze, nicht genug Studienplätze und kaum Festanstellungen – aber alle stellen sich vor, eine gute Ausbildung und einen sicheren Job zu haben. Es gibt viele Affären, ständig lernt man neue Menschen kennen, hat in sozialen Netzwerken im Internet über zweihundert Freunde – aber alle suchen den Partner fürs Leben, diese eine Person. Selbst um ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in attraktiver Lage zu bekommen, muss man sich heute was einfallen lassen, man muss sich präsentieren, anpreisen und interessant machen. Alles Erstrebenswerte ist exklusiv, man muss sich darum bewerben und der Beste gewinnt; dieses Gesetz haben die meisten verinnerlicht. Wie man sich am Besten darstellt, üben sie online – und das täglich.

Schulabgänger der neuen Generation werden immer wieder als angepasste, auf Sicherheit bedachte Menschen beschrieben, denen jeglicher Sinn für Ideologie oder gar Auflehnung fehlt. Erfolg, Ehrgeiz und Leistungswille sind dagegen Attribute, die sie verinnerlicht haben – der Druck mit der Konkurrenz mithalten zu können, gehört für sie zum täglichen Leben. Passen die Schüler ihre Persönlichkeit der negativen Lage auf dem Arbeitsmarkt zu sehr an?

Nein, sie verbiegen sich nicht. Sie geben keine Träume auf, sie sind einfach so. Insofern bleiben sie bei all dem was sie tun um voran zu kommen, immer sie selbst. Sie spüren zwar auch den Druck und ich habe während meiner Recherche eine junge Frau kennen gelernt, die total ausgebrannt, mürbe und antriebslos war – sie war gerade mal 19 Jahre alt. Aber selbst sie sagte, es habe ihr immer Spaß gemacht neben der Schule noch hier und da mitzuwirken, dies und das zu organisieren. Sie würde es immer wieder so machen. Ich versuche ja in meinem Buch auch zu verdeutlichen, dass diese jungen Menschen nicht zufällig so geworden sind. Wessen Eltern einem bei einer drei minus in einem Mathetest sofort Nachhilfestunden buchen, der wird wohl nie mit dem Mittelmaß zufrieden sein können.

Liberalität und gegenseitiges Unterstützen ohne Oberlehrerton sind Erziehungsmethoden, die bei vielen Jugendlichen keine Abgrenzung zu den Eltern notwendig erscheinen lassen. Provozierungen sind kaum noch möglich, wenn Eltern wie Freunde agieren. Wie wird damit umgegangen?

Es wird viel gefeiert: Alkohol trinken, über die Strenge schlagen, Tabus brechen – das ist inzwischen fast ein Hobby. Dies scheint manchmal die einzige Möglichkeit zu sein, um Grenzen zu überschreiten und ein bisschen Reibung zu erzeugen. Lehrer und Eltern sind beinahe Freunde. Es ist sicher auch gut, dass diese Verhältnisse nicht mehr von Angst und Strenge dominiert werden, aber mein Eindruck ist, dass sich einige Jugendliche diese Autorität in ihrem Leben wünschen, um mehr Anleitung und Maßregelung zu erhalten als sie erfahren.

Frau Fritzsche, wir bedanken uns für das Gespräch.

© Kiepenheuer & Witsch


Das Leben ist kein Ponyhof

Lara Fritzsche

Das Leben ist kein PonyhofDie unbekannte Welt der Abiturienten

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 21.09.2009

Generation Casting

Nie zuvor ist mehr von Abiturienten erwartet worden: Sie sollen zügig und fleißig studieren, zugleich ihre Träume verwirklichen, fürs Alter vorsorgen und dabei bloß keine Spießer werden. Viele Kinder sollen sie auch noch bekommen – aber was wollen sie ...


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