Im Interview:

Katharina Hagena

Schillernd und magisch sind die Erinnerungen an die Sommerferien bei der Großmutter, geheimnisvoll sind die Geschichten der Tanten…

Katharina Hagena erzählt in ihrem Debütroman Der Geschmack von Apfelkernen, der dieses Jahr zum sensationellen Bestselller wurde, von den Frauen einer Familie und mischt die Schicksale dreier Generationen.

Im Interview erläutert sie, welche Rolle der Garten in ihrem Roman spielt, wie Erinnern und Vergessen mit dem Erzählen zusammenhängen, und wie der Buchtitel Der Geschmack von Apfelkernen zustande kam:

Im Mittelpunkt Ihres Romans Der Geschmack von Apfelkernen steht die Alzheimer-Erkrankung der Großmutter. Eine Krankheit, die man nicht aufhalten kann. Kann man gegen das Vergessen anschreiben?

Nein, nicht gegen diese Form des Vergessens, sie sperrt sich gegen jegliches Konservieren. Ich kann mir jedoch das Vergessen – und vor allem die Angst davor – für eine Weile schreibend vom Leib halten. Gerade die Auseinandersetzung mit dem Vergessen ist das, was der Alzheimer-Patient selbst nicht mehr vermag, vielleicht musste ich es in meinem Roman stellvertretend tun.

Andererseits ist Alzheimer eine Krankheit, die ganz viel mit Sprache zu tun hat, mit Sprachlosigkeit (aller Beteiligten), mit Sprachverwirrung (hören die Dinge auf zu sein, wenn es kein Wort mehr dafür gibt? Zum Beispiel »Tochter«?), ja auch mit Sprachschöpfung, einer makabren Poesie von Ersatzwörtern.

Für mich ist der Weg einer Erzählung die einzig mögliche Auseinandersetzung mit diesem Thema, und die einzig erträgliche.

Wenn wir erzählen, erinnern wir uns. Erzählen und Erinnern gehören zusammen. Aber wie erzählt man vom Vergessen? Wie verhält sich Erzählen und Vergessen zueinander?

Das Vergessen verhält sich zum Erinnern wie das Schweigen zum Wort, wie die Pause zum Ton. Das eine geht nicht ohne das andere. Erst das Vergessen – und die Möglichkeit dazu – macht eine zurückliegende Erfahrung zur Erinnerung.

In welcher Landschaft spielt der Roman?

In der Geestlandschaft um Bremerhaven herum. Mit Kuhweiden, Weißdornhecken und einem wilden, schweren Himmel.

Natur erfahren, d.h. auch sinnlich erleben ist ein zentrales Motiv des Romans. Wollten Sie der Natur eine Sprache geben?

Nein, natürlich lese ich nicht im Buch der Natur, wie es noch der Spätmystiker Jakob Böhme tat, der kurz in meinem Buch auftaucht. Ich halte es da eher mit Adorno: »Erscheinende Natur will Schweigen«, sagt er, »während es jenen, der ihrer Erfahrung fähig ist, zum Wort drängt«. Die Natur spielt eine Rolle in meinem Buch, sie ist Projektionsfläche, sie agiert selbst, und sie reagiert auf die Gefühle der handelnden und gerade auch der handlungsunfähigen Personen.

Welche Rolle spielen das Haus und der Garten?

Ach, das Haus: Das gibt es, das gab es. Es taucht immer wieder nachts in meinen Träumen auf, an den unterschiedlichsten Orten und mit den unterschiedlichsten Menschen darin. Meine Erinnerungen an dieses Haus wollte ich in meinem Buch dokumentieren, die Personen darin sind hingegen ausgedacht.

Für Gärten habe ich mich jedoch nie besonders interessiert. Gerade die Beerenernte zu Hause fand ich unfassbar öde. Als ich irgendwann selbst einen Garten hatte, merkte ich plötzlich, dass ich ein Menge Pflanzenkundliches aus Versehen absorbiert hatte. Erstaunlicherweise kannte ich das ganze Grünzeug mit Namen! Und zu fast jeder Blume gab es irgendwo in meinem Hirn Geschichten, Liedfetzen oder Gedichtzeilen: Astern, schwälende Tage; lösch die Lupinen; Narzissen und die Tulipan. Ich musste an Ophelias wilden Blumenschmuck denken, an dieses Moly-Kraut mit dem Odysseus Schweine zurück in Menschen verwandelt, Syrinx und Pan. Oder mir fielen irgendwelche banalen Familiengeschichten ein, also zum Beispiel, dass die Lieblingsblume meiner Großmutter das Geißblatt war und die meines Opas Kapuzinerkresse, und dass mein Onkel als Kind die braunen, wolligen Rohrkolbenblüten (heißen die wirklich Brummpesel?) wie Zigarren geraucht hat. Und schließlich gibt es Blumennamen, zu denen einem selbst sofort ganz viele Geschichten einfallen: Tränendes Herz, Rittersporn, Schleierkraut.

Garten ist für mich untrennbar mit Dichtung verbunden. Der Umkehrschluss gilt aber nicht.

Es ist an einer Stelle vom Heimweh der Mutter nach dem kühlen Norden die Rede. Heimweh nach dem Norden statt Sehnsucht nach dem Süden?

Das Heimweh nach dem Norden ist schwermütiger als die Sehnsucht nach dem Land, wo die Zitronen blühn. Hier oben weht »kein sanfter Wind vom blauen Himmel«, hier hört man höchstens sowas wie »des gärenden Schlammes geheimnisvollen Ton, einsames Vogelrufen – so war es immer schon«. Aber Heimweh kann man sich nun mal nicht aussuchen – im Gegensatz zu Fernweh.

Erklären Sie den Titel »Der Geschmack von Apfelkernen«?

Nun, er spielt zum einen auf eine bestimmte Stelle im Buch an, wo Apfelkerne tatsächlich verspeist werden. Zum anderen ist der Apfel natürlich eines der ältesten literarischen Bilder unserer Kultur, ein Symbol für Verführung, Liebe, Schönheit, Macht, Erkenntnis, Schuld. Und der Kern ist einerseits die Essenz all dessen, andererseits bitter, ungenießbar und geformt wie eine Träne. Die Apfelgeschichten reichen von Adam und Eva, über das Urteil des Paris bis hin zum vergifteten Apfel, der Schneewittchen von ihrer Stiefmutter gereicht wird. Persephone isst Apfelkerne in der Unterwelt – vom Granatapfel zwar, aber immerhin – und muss deshalb immer wieder dorthin zurück. Das Bittermandelaroma des Apfelkerns fasziniert mich, am meisten jedoch dies: Die Blausäure ist nicht im Kern enthalten, sie wird erst nach Verzehr des Kerns im Körper des Essenden gebildet. Genauso funktionieren letztlich Bücher: Der Wirkstoff ist nicht im Text, sondern entfaltet sich in Kopf und Körper des Lesenden erst durch die Lektüre.

Wir haben über das Haus, über Äpfel, die Natur gesprochen? Was hat es mit dem Fallen auf sich, wenn in ihrem Buch die Menschen in Ohnmacht oder von Bäumen fallen?

Das Fallen gehört zu Baumstämmen wie zu Stammbäumen (Newtons Entdeckung der Schwerkraft ist eine Apfelgeschichte). In einem Roman, der sich mit dem Erinnern und Vergessen beschäftigt, spielt das Entfallen eine entscheidende Rolle ebenso wie das Auffallen und Gefallen; Unfall und Zufall ebenso wie der Verfall. Manches muss erst stürzen, bevor es ins Rollen kommen kann.

Man begegnet in Der Geschmack von Apfelkernen ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und Lebensentwürfen von Frauen. War Ihnen dies von Anfang an wichtig?

Anderes war mir zunächst wichtiger. Bei den Personen interessierten mich vor allem die Konstellationen, die drei Schwestern, drei Freundinnen, Dreiecks-Verwicklungen verschiedener Art mit Spannungen und Allianzen, mit Macht und Machtspielchen. Die Geschichten kamen zum Großteil erst beim Schreiben.

Ein zentraler Satz ihres Buches besagt, dass womöglich das gemeinsame Vergessen ein stärkeres Band sein kann, als die geteilten Erinnerungen. Das dürfte manchen Leser verwundern. Wie ist es zu verstehen?

Genau so!

Der Roman verlässt von Zeit zu Zeit die Realität und es geschehen wundersame Dinge, wie wir es aus Erzählungen des magischen Realismus kennen. Verlassen wir also beim Erinnern den Boden der Tatsachen?

Na klar, schon in der Selektion liegt der erste Schritt in die Fiktion. Warum also so tun, als dokumentiere man etwas? In der bewussten literarischen Verarbeitung – oder Deutung – liegt für mich mehr Wahrheit als in Berichten über sogenannte »wahre Begebenheiten«. Die Geschichten, die das Leben schrieb, müssen doch nicht notwendigerweise auch passiert sein. Und magische, surreale und phantastische Begebenheiten müssen nicht realitätsfern sein. Die scharfe Trennung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Traum, Erinnerung und dem, was wir Wirklichkeit nennen, betrachte ich eher als Hilfskonstrukt – ähnlich den Atommodellen in der modernen Physik. Sie sind nützlich, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Gibt es eine andere literarische Tradition – neben dem magischen Realismus – auf die Sie sich stützen?

Die verdichtete Sprache der Lyrik hat sicher Einfluss auf meinen Stil, jedenfalls würde ich es begrüßen, wenn es so wäre. Und ich rede mir ein, die langjährige Beschäftigung mit Joyce – und durch Joyce natürlich auch mit Homer – habe mein Sprachbewusstsein auch etwas geschärft. Die englische Romantradition ist mir oft näher als die deutsche. Das ist sicher berufsbedingt. Dennoch: ich stehe gleichermaßen bewundernd vor dem brillant konstruierten Roman Tom Jones wie vor Die Elixiere des Teufels. Vielleicht sollte ich die überhaupt mal wieder lesen!

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Der Geschmack von Apfelkernen

Katharina Hagena

Der Geschmack von ApfelkernenRoman

Broschur, Erscheinungsdatum: 18.08.2009

Auf Anhieb ein sensationeller Erfolg – mehr als 250.000 verkaufte Exemplare

Schillernd und magisch sind die Erinnerungen an die Sommerferien bei der Groß­mutter, geheimnisvoll die Geschichten der Tanten. Katharina Hagena erzählt von den Frauen einer Familie, mischt die ...


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