Im Interview:

Jürgen Becker

»Ausgerechnet dieser Frohnatur-Charakter sucht sich als Thema ein erdenschweres aus: die Religionen dieser Welt und warum sie weder in sich konsistent sind noch zusammenpassen wollen. Was für ein Minenfeld! Und dennoch muss man permanent herzhaft lachen. Dank Jürgen Becker« Süddeutsche Zeitung

Im Interview erzählt Jürgen Becker, woran er glaubt, warum die Religion mit Autos vergleichbar ist und er verrät das Rezept für besten Humor.

»Ich möchte die Religion mit dem Humor versöhnen.«

Was hat Sie als rheinische Frohnatur daran gereizt, in Ihrem Buch Religion ist, wenn man trotzdem stirbt. Ein Handbuch für Humor im Himmel gerade das bierernste Thema der Religion zu durchleuchten?

Ich liebe Humor, weil er ein Gefühl des Spielerischen erfordert, die Freude an Widersprüchen. Religionen sind voller Widersprüche. Humor erfordert eine Mischung von Elementen, die nicht zusammenpassen. So auch die Religion: Ein Toter steht wieder auf, eine Jungfrau kommt zum Kind, ein Mann läuft übers Wasser. Humor erfordert aber auch die Fähigkeit, Unsicherheit zu ertragen. Er bedroht die Autorität. Außerdem gehört zum Lachen ein Verlust der Selbstkontrolle und Selbstdisziplin. All diese Elemente sind genaue Gegenpole zum religiösen Fundamentalismus. Ich möchte die Religion mit dem Humor versöhnen.

Sie stellen zum Teil recht provokante Thesen auf und üben offen Kritik. Befürchten Sie Anfeindungen als Reaktion darauf?

Damit muss man immer rechnen. Aber viel häufiger begegne ich der Sehnsucht, in der Kirche zu lachen. Letzten Monat wurde ich gleich dreimal eingeladen, zuletzt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten »50 Jahre Erzbistum Essen«. Die Satirefähigkeit an der christlichen Basis hat enorm zugenommen und selbst der Zentralrat der Muslime hat jetzt einen Comedypreis ins Leben gerufen. Es wird spannend!

Sie bezeichnen die Kirche in Ihrem Buch als Firma, die etwas verkaufen muss, was noch nie jemand gesehen hat. Wie bewerten Sie die Firmenpolitik der katholischen Kirche? Wie geht Sie mit ihren »Kunden« um?

Unterschiedlich. Zu ihrem Kerngeschäft gehören z.B. Beerdigungen. Oft bin ich entsetzt über die schlampige Vorbereitung. Das renommierte Bestattungshaus Pütz – Roth in Bergisch Gladbach bietet die Trauerfeiern gleich in ihren Räumen an, so dass gar keine Kirche und kein Pfarrer mehr konsultiert werden muss. Neun von zehn Trauerfeiern werden von Angehörigen gebucht, die Mitglied in einer christlichen Kirche sind.

Sie schreiben, dass in den USA Religion zum Produkt wird und dort jeder religiös experimentieren darf. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Die zahllosen amerikanischen Freistil-Konfessionen und abgespaltenen Sekten sind ein Zerrspiegel der Religionsgeschichte. Im Grunde war das Christentum zu Anfang eine kleine jüdische Sekte, die sich gleich in Heidenchristen und Judenchristen aufspaltete. Dann gab es immer wieder Abspaltungen: so zum Beispiel griechisch-orthodox, römisch-katholisch und protestantisch mit wieder zahlreichen Absplitterungen. Auch der Islam ist bei näherem Hinsehen eine Abspaltung, hat er doch das alte Testament bis zurück zu Abraham erhalten und Jesus vom Gottessohn zum einfachen Propheten umgeschult. Wir alle sehen Religionen gerne als etwas Althergebrachtes, Haltbietendes, Statisches, aber die meisten Religionen sind schon längst wieder weg. Sie halten nicht lange, meist drei-, vier- oder fünftausend Jahre, dann kommt meist eine neue, die die Leute interessanter finden. Aber sie übernehmen dann bei Neugründungen immer Geschichten aus den älteren Religionen, wenn sie ihnen besonders gut gefallen haben. Vieles, was wir heute kennen, hatten alte Religionen auch schon, z.B. die Auferstehung. Bereits 3000 vor Christus wurde bei den Kananäern Gott Baal im Kampf getötet und ist wieder auferstanden. Nicht nur einmal, wie Jesus, sondern immer wieder. Das war eine ständige Kulturveranstaltung. Bei Religion verhält sich das nicht anders als bei Autos. Wenn ein teures Modell etwas hat, das sich bewährt hat, wie vor 30 Jahren der Airbag in der S-Klasse, dann haben das später auch Brot- und Butter-Autos. Eine Religion ohne Auferstehung können sie heute am Markt kaum noch platzieren.

Eine Ihrer Thesen im neuen Buch besagt: Religion ohne Humor ist gefährlich. Wäre die Welt eine bessere, wenn die Kirche mehr Humor an den Tag legen würde?

Es ist manchmal sehr schwer wach zu bleiben, vor allem in der Kirche. Das hängt auch damit zusammen, dass sich die Kirche zu einer humorfreien Zone entwickelt hat. Das war nicht immer so und sollte auf keinen Fall so bleiben, zumal Religion und Humor sich von jeher magisch anziehen. In allem Religiösen liefert der extrem hohe Anspruch eine enorme Fallhöhe hinunter in die Realität. Und hier haben wir das Rezept für besten Humor: Je länger das sssssssssitt, desto größer das Bums! Wir stecken voller Fehler und sterben aus.

Was hat Religion mit Ihrer Annahme zu tun, dass der Mensch von seiner »evolutionären Grundanlage« Rheinländer ist und er nix kann, sich aber alles zutraut?

Beim Startschuss der Evolution im Rennen um die angenehmsten Plätze waren einige Wesen zu lahmarschig. Alle bequemen Nischen waren bereits besetzt. Diese Lahmen konnten sich nicht in diesen Nischen spezialisieren, sondern mussten von allem etwas können, und dafür braucht man ein relativ großes Gehirn. Das sind die Verlierer der Evolution, das sind wir. Wir können von allem etwas, aber nichts besonders gut. Nicht besonders gut riechen, nicht besonders gut klettern, nicht besonders gut schwimmen. Der Mensch ist evolutionstechnisch betrachtet Rheinländer, er kann nichts, traut sich aber alles zu! Weil wir das Rennen um die besten Plätze verloren hatten, mussten wir das durch ein großes Gehirn kompensieren. Und Kompensieren ist das, was der Mensch am besten kann: Fast alle herausragenden Personen der Weltgeschichte mussten etwas kompensieren. Nietzsche, Montpassant, dauernd krank, aber großartige Denker. Bismarck hat die Krankenversicherung erfunden, weil er selber dauernd krank war. Apostel Paulus war Epileptiker, Mohamed höchstwahrscheinlich auch. Wenn wir uns in der Religionsgeschichte die Beschreibungen der göttlichen Offenbarungen durchlesen, sind das fast immer exakt die Beschreibungen eines epileptischen Anfalls. Epilepsie nannte man früher Morbus Divinus, die göttliche Krankheit. Die dachten, sie sterben, und dann standen sie wieder auf und waren schlauer als vorher. Durch das Kompensieren von Krankheiten bringt der Mensch Großes hervor, auch Religionen.

Sie bekennen sich dazu, regelmäßig Ihren »Ritualdesigner« Franz Meurer aufzusuchen. Was können Sie von dem katholischen Pfarrer aus Köln lernen?

Verblüffenderweise völlig undogmatisches, freies Denken und nicht zuletzt erstklassige Sozialarbeit.

Der Leser wird sich sicher fragen: Wer ist Eusi Erbstösser, gibt es ihn wirklich? Und was macht er heute?

Eusi ist frei erfunden. Aber es gibt sie, diese gekurvten Biographien, die eigentlich etwas ganz anderes machen wollten und letztlich ihren Traum in einem profanen Beruf zu verwirklichen suchen. Eusi wollte Priester werden und versucht nun als Klempner, dem Sinn auf die Spur zu kommen. Das Leben ist ein Rohr – was kommt dahinter, was davor? Die Heilsmaschinen der Religionsgemeinschaften haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Heizungssystemen unserer Reihenhäuser – inklusive Hölle, Fegefeuer und Fußbodenheizung im Paradies.

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