Im Interview:

Harald Schumann

Harald Schumann

Harald Schumann, Jahrgang 1957, Studium Sozialwissenschaften und Landschaftsplanung, Abschluss als Dipl.-Ingenieur. Journalistische Stationen bei tageszeitung, Spiegel und Morgen, 1992–2004 Redakteur im Berliner Büro des Spiegel und Ressortleiter Politik bei Spiegel Online, seit Oktober 2004 Redakteur für besondere Aufgaben beim Tagesspiegel. Bücher: Futtermittel und Welthunger, 1986, Die Globalisierungsfalle, 1996, gemeinsam mit Hans-Peter Martin, attac. Was wollen die Globalisierungskritiker?, 2002, gemeinsam mit Christiane Grefe und Mathias Greffrath.

»An der Finanz- und Wirtschaftsfront ist die bisherige Politik der Obama-Regierung eine große Enttäuschung.«

Der globale Countdown ist in der Hardcoverausgabe im April 2008 erschienen; Redaktionsschluss war Ende Januar 2008. Sie haben darin in fast unheimlicher Weise die Finanz- und Wirtschaftskrise vorwegnehmend beschrieben, die seit Sommer/Herbst 2008 alle Welt beschäftigt. – Wie lautet ihre Prognose heute? Haben wir die »Talsohle« erreicht, wann »erholen« sich die Märkte wieder? Oder drohen weitere Risiken wie z.B. die amerikanische Kreditkartenblase, die den derzeit zaghaft verbreiteten Optimismus Lügen strafen werden?

Leider ist die Talsohle noch lange nicht erreicht. Der Internationale Währungsfonds bezifferte das Volumen der anstehenden Verluste in der weltweiten Finanzbranche zuletzt auf mehr als 4000 Milliarden Dollar. Davon ist bisher allenfalls ein Viertel durch Abschreibungen und den zugehörigen Ausgleich durch Aufnahme von neuem Eigenkapital – großteils auf Kosten der Steuerzahler – bewältigt. Der größte Teil der Rechnung ist also noch unbezahlt und wird vermutlich noch sehr lange die Rückkehr zu einem stabilen Geld- und Kreditsystem verhindern. Die Rezession wird nach allem, was bisher und aus historischen Parallelen bekannt ist, mindestens drei Jahre anhalten und zu schweren sozialen Konflikten und Verteilungskämpfen führen.

Wie beurteilen Sie die Reaktionen der einzelnen Regierungen – von Konjunkturpaketen und Abwrackprämien bis hin zu Rettungsschirmen und Staatsbeteiligungen?

Die »Rettungsprogramme« für die angeschlagenen Banken kranken alle an einem grundsätzlichen Fehler: Die Gläubiger, also jene, die das Spielgeld für die gigantischen Fehlspekulationen bereitgestellt haben, werden bislang für die Kosten der Bankensanierung gar nicht herangezogen, sondern werden auf Kosten des Steuerzahlers freigekauft. Damit laufen die Programme darauf hinaus, die gesamte private Überschuldung des Finanzsektors auf die Staaten und ihre Steuerzahler zu übertragen. Das kann nicht gut gehen. Die extreme Ausweitung der Staatsverschuldung droht zusehends, die private Platzierung von Unternehmensanleihen zu verdrängen. Das aber behindert massiv neue Investitionen. Früher oder später muss die Frage auf den Tisch, wie die Vermögenden, also die Gewinner des jetzt zusammengebrochenen Kreditbooms an den Kosten beteiligt werden können. Nötig wäre eine Vereinbarung der G20-Staaten weltweit, eine einmalige Abgabe in Höhe von etwa 5 Prozent auf Vermögen von mehr als einer Million Dollar zu erheben und somit das benötigte Geld dort abzuschöpfen, wo der Abzug keine oder kaum zu einer Schwächung der Nachfrage führt.

Verschärfen manche Maßnahmen die Krise nicht noch zusätzlich?

Die Gefahr ist auf jeden Fall gegeben. Die US-Zentralbank Federal Reserve kauft für bis zu 2000 Milliarden Dollar Kredite aus dem Markt und flutet die Märkte so mit frisch geschöpftem Geld. Das ist das größte monetäre Experiment in der Geschichte des Kapitalismus. Es wird zwar voraussichtlich verhindern, dass Amerika in eine Abwärtsspirale aus fallenden Preisen und noch schneller fallender Nachfrage rutscht. Aber niemand weiß, ob und wie die Fed diese Dollarflut wieder einsammeln will, wenn die Konjunktur irgendwann wieder anzieht. Dann aber birgt die massive Ausweitung der Dollar-Geldmenge die Gefahr, dass binnen kurzer Zeit die Inflationsrate drastisch anzieht. Das hätte zwar den »Reiz«, alle Schulden, und gerade die bis dahin vervielfachten Staatschulden, zu mindern. Aber wenn die Entwertung des Dollar weit über der des Euro oder anderer Währungen läge, würde es zu einer massiven Flucht aus Dollarwerten kommen, und das gesamte globale Währungssystem käme ins Wanken. Kommt es dazu, wird die Aushandlung eines neuen Währungssystems mit einer übernationalen Reservewährung, wie sie die chinesische Regierung schon gefordert hat, unausweichlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches »Bretton Woods II« notwendig wird, ist sehr hoch.

»Change we can believe in«: Wie beurteilen Sie die bisherige Politik Barack Obamas, was Wirtschaft, Finanzen und den Kampf gegen den Klimawandel angeht – und wie die in ihn gesetzten Hoffnungen?

An der Finanz- und Wirtschaftsfront ist die bisherige Politik der Obama-Regierung eine große Enttäuschung. Mit Timothy Geithner als Finanzminister und Lawrence Summers als Wirtschaftschef hat Obama zwei Vertreter des alten Systems berufen, die de facto die Politik des alten Finanzministers Henry Paulson fortsetzen, also die Abwälzung der gesamten Wall-Street-Verluste auf die Steuerzahler. Von einer Abkehr vom gescheiterten Konzept des Finanzmarktgesteuerten Kapitalismus ist weit und breit nichts zu sehen. Ich halte es aber für gut möglich, dass mit der Eskalation der Krise Obama diesen Fehler korrigiert und echte Reformer beruft. Die Unterstützung aller linksliberalen Ökonomen wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman oder Noruriel Roubini hat er schon verloren. Was den Klimawandel angeht, gibt es bisher nur Absichtserklärungen. Der »grüne Anteil« macht bei Konjunkturprogramm nicht mal fünf Prozent der geplanten Ausgaben aus.

»Das Umdenken hat auf breiter Front begonnen. Jetzt kommt es darauf an, die soziale Mobilisierung von unten voranzubringen.«

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des G20-Gipfels in London? Bloße Lippenbekenntnisse oder zumindest der Beginn einer weltweiten Zusammenarbeit, um nicht nur aus der aktuellen Krise zu kommen, sondern auch zu verhindern, dass sie sich wiederholt?

Gemessen an allen vergleichbaren Krisen in der Vergangenheit markiert der G20-Prozess eine historische Wende. Die Ergebnisse sind bisher dürftig, aber eines wenigstens scheint klar: Die Regierenden der meisten großen Staaten haben begriffen, dass sie nur noch gemeinsam Lösungen für die großen globalen Krisen finden werden. Der Rückfall in die bloß nationale Wirtschaftspolitik wurde tatsächlich vermieden, alle halten sich an die Verträge im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO). Die ärmeren Entwicklungsländer werden zwar noch immer benachteiligt, aber der Umstand zeigt trotzdem, dass es richtig ist, das globale Wirtschaftsgeschehen durch völkerrechtlich bindende Verträge zu verrechtlichen. Ein Anfang immerhin ist gemacht.

Besteht die Chance, den Kapitalismus zu »zivilisieren«, wie Gräfin Dönhoff das schon vor Jahren gefordert hat? Oder droht ein »Weiter so«, wenn die gegenwärtige Phase der Verwirrung der Staatenlenker und Finanzmarktherrscher beendet ist?

Die Chance besteht gewiss. Aber sie wird mit Sicherheit nur dann genutzt, wenn viel, viel mehr Menschen als bisher sich dafür engagieren. Schließlich sind nach wie vor die Nutznießer der alten Ordnung überall an der Macht.

Wir haben gelernt, dass es »systemische« Banken – und vielleicht auch Industrieunternehmen – gibt. Stellt sich auch die »Systemfrage«? Und wie würde sie lauten? Anders gefragt: Warum eigentlich sollten die Profiteure des neoliberal entfesselten Kapitalismus (und vielleicht auch der gegenwärtigen Krise) freiwillig Regulierungen akzeptieren, die ihre Vermögen(szuwächse) beschneiden?

Weil sie alle darauf angewiesen sind, dass das globale System stabil bleibt. Es zeigen sich ja auch schon durchaus Bruchlinien zwischen einzelnen Fraktionen in den Eliten und Kapitaleignern ab, etwa in der Frage, wie schnell und mit welchem Geld der ökologische Umbau vorangetrieben werden soll. Das ist ausbaufähig.

Haben sich die Gewichte zwischen den großen Nationalwirtschaften – USA, EU, China, Indien – wie von Ihnen prognostiziert bereits weiter verschoben?

Ganz sicher. Die chinesischen Regenten haben begonnen, selbst die globale Agenda mitzubestimmen, das Gleiche gilt für Brasilien als Führungsmacht in Lateinamerika und zu geringeren Teilen auch für Indien. Das ist nicht mehr umkehrbar.

Wie lange geben Sie dem US-Dollar als internationale Verrechnungs- und Leitwährung noch?

Wenn ich das genau wüsste, wäre ich bald ein reicher Mann, weil ich meine Ersparnisse in entsprechende Wetten investieren könnte. Absehbar ist aber, dass das Währungssystem früher oder später geändert werden muss, irgendwann im nächsten Jahrzehnt bestimmt.

Der auch zuvor durchaus nur halbherzige „Kampf gegen den Klimawandel“ scheint im Schatten der Krise eine Pause einzulegen. Sie haben mit Ihrer Co-Autorin Christiane Grefe im „Globalen Countdown“ geschrieben, dass uns nur noch wenige Jahre bleiben, um diesen Kampf noch zu gewinnen. Werden diese kostbaren Jahre vertan?

Die Gefahr droht leider sehr. Positiv ist immerhin, dass die Chinesen jetzt sehr ernsthaft – vor allem auch im eigenen Interesse – Druck machen. Wenn die US-Regierung sich in dieser Frage endlich sortiert hat, könnte es beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember zu einem echten Durchbruch kommen. Aber noch stockt der Prozess.

In Ihrem Buch nehmen sie eine doppelte Position ein. Einerseits ist die Menschheit so bedroht wie nie zuvor – Stichwörter Klimawandel, Ressourcenknappheit, Verelendung von Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern, gewaltsamer Abbruch der Globalisierung. Andererseits wächst nach Ihrer Beobachtung das Rettende auch: zunehmende internationale Vernetzung, ein Umdenken der Eliten, eine machtvolle Weltgemeinschaft im Entstehen. – Ist diese optimistische Seite Ihres Denkens erschüttert?

Nein, im Gegenteil. Das Umdenken hat auf breiter Front begonnen. Jetzt kommt es darauf an, die soziale Mobilisierung von unten voranzubringen. Wenn das gelingt, können wir es schaffen.

© Kiepenheuer & Witsch


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