Im Interview:

Elmar Träbert

»Radioaktivität an sich ist nicht böse« – ein Interview mit dem Physiker Elmar Träbert über Fukushima, natürliche Radioaktivität und Star Trek.«

Die Katastrophe in Fukushima hat uns deutlich gemacht, was eine Zeit lang in Vergessenheit geraten schien: Die Gefahr, welche von der Atomenergie ausgeht. Wir sprachen mit dem Physiker Elmar Träbert über die Folgen von Fukushima, natürliche Radkioaktivität, moderne Atomenergie-Lösungen, das Für und Wider der Kernkraftnutzung und Star Trek.

Herr Träbert, Sie sind außerplanmäßiger Professor für Experimental-Physik an der Ruhr-Universität Bochum und Sie forschen am Lawrence Livermore National Laboratory der Universität von Kalifornien. Was ist denn bitte ein „außerplanmäßiger Professor“ und wie darf man sich diese zweigeteilte Arbeit vorstellen?

Wenn man nach hinreichend viel Forschung und Lehre an der Universität das Habilitationsverfahren erfolgreich durchlaufen hat, gilt das als Nachweis der Lehrbefähigung. Man bekommt sozusagen den „Führerschein“ als Hochschullehrer und erhält in der deutschen Universitätstradition den Titel Privatdozent. Dozent ist klar, „privat“ bedeutet unbezahlt – Privatsache. Man muss in der Vorlesungszeit typischerweise 2 Stunden Lehre pro Woche anbieten, um diesen Status aufrecht zu erhalten, unabhängig davon, ob man eine bezahlte Stelle an der Universität hat oder nicht. Im Ausland erntet man dafür nur ein ungläubiges Kopfschütteln. Hat man sich dann einige Jahre an der heimatlichen Universität bewährt – was immer das beinhalten mag – kann einem der Titel eines außerplanmäßigen Professors (also außerhalb des Stellenplans) verliehen werden – weiterhin ohne damit verbundene Stelle. Der Status gewährt aber auch mehr Unabhängigkeit. Nachdem ich meinen Titel hatte, fand irgendwann die Kette meiner Zeitverträge mit der Universität (jeglicher in Deutschland) ihre rechtliche Grenze. Die Industrie stellt fast nur Leute früh nach dem Examen ein, weil die anderen als überqualifiziert, zu selbständig und nicht mehr formbar genug gelten. Mein Spezialgebiet wurde nur an wenigen Stellen in der Welt betrieben, und es war keine Forschungsstelle zu ergattern. Ich wollte aber als Experte auf meinem Gebiet weiterhin forschen und war dann auf Forschungsstipendien und hilfreiche Kollegen angewiesen, bei denen ich monatsweise mitarbeiten konnte und dafür auch bezahlt wurde. So kam ich nach früheren längeren Arbeitsaufenthalten in England, den USA und Schweden jetzt nach Belgien, Kanada und wieder, aber andernorts, über einen Kontakt der Alexander von Humboldt-Stiftung, in die USA, wo ich seit etlichen Jahren mehrere Monate im Jahr arbeite. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt meine Projekte seit vielen Jahren (für die Möglichkeit, Anträge auf Forschungsförderung einzureichen, ist mein Status als außerplanmäßiger Professor an meiner Universität wichtig!). Forschungsprojekte werden von der DFG nur dann gefördert, wenn sie von Fachgutachtern hoch genug eingestuft werden und dann auch den Quervergleich mit anderen Projekten überstehen. Meine wissenschaftliche Arbeit geht also weiter. Meine Universitätszugehörigkeit erleichtert auch den aufwändigen Visumprozess mit den Amis.

Sie betreiben Messungen an einer Elektronenstrahl-Ionenfalle. Können Sie versuchen, uns in einfachen Worten zu erklären, was Sie machen und wofür man das braucht?

In einer Ionenfalle werden Ionen, also Atome, denen man ein oder mehrere Elektronen weggerissen hat, mit Hilfe elektrischer und/oder magnetischer Felder innerhalb eines extrem guten Vakuums festgehalten. Die Elektronenstrahl-Ionenfalle (EBIT) verfügt zusätzlich über einen energiereichen Elektronenstrahl (wie in einer alten Fernsehbildröhre), der aber durch starke magnetische Felder von Fingerdicke auf Haaresbreite zusammengepresst wird. Damit kann man von den eingefangenen Ionen ein Elektron nach dem anderen abreißen, sogar – das haben die Leute in Livermore vor Jahren geschafft – nach und nach alle 92 Elektronen des Uranatoms. In Deutschland kann das, nach einem anderen Arbeitsprinzip, die große Beschleunigeranlage des GSI-Helmholtzzentrums in Darmstadt auch, aber mit einem erheblich höheren technischen Aufwand. In Livermore arbeitet meine Gastgebergruppe vorwiegend an astrophysikalischen Problemen. In der Sonnenkorona sind die Temperaturen so hoch, dass zum Beispiel Eisenatomen nach Stößen im heißen Plasma etwa 10 bis 20 ihrer eigentlich 26 Elektronen fehlen. Wir können in der EBIT gezielt Ionen der einzelnen Ladungszustände erzeugen und sie spektroskopisch untersuchen. Unsere Ergebnisse tragen dann dazu bei, die Sonnenkorona (und die entsprechenden Umgebungen anderer Sterne und von Galaxien, des interstellaren Mediums usw.) besser zu verstehen. Ähnliche Probleme gibt es in den Plasmen der Fusionsforscher, mit denen die Gruppe in Livermore eng zusammenarbeitet. (für weitere Informationen über die EBIT empfehle ich http://ebit.llnl.gov)

Warum sind Sie überhaupt Physiker geworden?

Physik gefiel mir schon in der Schule, obwohl da wenig abzusehen war, was die Physik eigentlich aktiv betreibt. Das Fach hat etwas den Nimbus, besonders intelligente Leute anzuziehen. Nachdem ich mich nunmehr seit Jahrzehnten damit beschäftige, schätze ich einerseits den Nimbus, sehe aber eigentlich wenig Rechtfertigung dafür in der Praxis. Auch unter Physikern gibt es „so’ne und so’ne“, das ganze Spektrum. Aber die Physik spielt schon eine Sonderrolle als fundamentale Naturwissenschaft.

Privat interessieren Sie sich unter anderem für Star Trek. Als Physiker können Sie ja sehr gut beurteilen, was von dem Gezeigten einfach nur Unsinn ist und was durchaus möglich sein wird. Können Sie uns vielleicht zwei Beispiele nennen?

Star Trek ist ab und zu amüsant. Weil die Star Trek-Helden dauernd Dank Teleportation zwischen ihren Raumschiffen und Planetenoberflächen hin und her wechseln, genießt die physikalische Forschung zur Quantenkommunikation derzeit etwas Rückenwind, denn das Publikum kennt den Begriff der Teleportation und steht deshalb der notwendigen Forschungsförderung aufgeschlossener gegenüber. Von der Teleportation des physikalischen Zustands eines Atoms zu der eines makroskopischen Objekts oder gar eines Lebewesens ist der Weg aber sehr weit, vermutlich zu weit. Stanislaw Lem (gelernter Mediziner, hervorragender Wissenschaftsphilosoph und Science-Fiction-Autor) hat sich damit schon vor Jahrzehnten sehr einsichtig auseinandergesetzt. Wirklich amüsant finde ich die Star Trek-Folge, in der die Enterprise zur turnusmäßigen Reinigung einem „Baryon Sweep“ unterworfen wird, also alle falschen Baryonen festgestellt und beseitigt werden. Baryonen sind die schweren Bestandteile (Neutronen und Protonen) jedes Atomkerns, also jedes Atoms. Wenn alle Baryonen beseitigt werden, ist die Enterprise selbst auch futsch.

Ihr zweites Hobby ist die Bildhauerei. Was können Sie uns über Ihre Kunst sagen und wonach richten sich Ihre Motive?

Zweites Hobby nach der Physik! Ich suchte ich ein Ventil für meine Arbeitskraft und nutze dazu das Musische Zentrum unserer Universität, eine in Deutschland anscheinend einzigartige Einrichtung mit Theater, Foto, Orchester/Chor und Bildender Kunst/Grafik ohne formellen Studienbetrieb. Jahrzehnte früher hatte ich schon mal in der Jugendbildung in das Arbeiten mit Ton, ins Fotolabor und die Buchbinderei reingeschnuppert. In der Bildhauerei reizt es mich – neben der echten Knochenarbeit zum Abschalten, die leider auch schmerzlich auf Gelenke und Sehnen durchschlägt – aus vorhandenen Stücken (Stein, Holz, Ytong) eine meist abstrakte Figur oder einen Kopf maximaler Ausdehnung herauszuarbeiten. Dabei habe ich mit Schwachstellen in Steinen genauso zu kämpfen wie mit Ästen, morschen Stellen, dem Faserverlauf im Holz. Ich fange also nicht mit einem Konzept einer Idealfigur an, für die ich ein ideales großes Werkstück suche, sondern gucke mir das Stück Ast oder Baumstamm an (manchmal aus Nachbars Garten, oft von anderen Leuten als nicht schön genug verworfen) und entwickele eine Idee, was ich damit ausprobieren will. Manchmal klappt es, manchmal zwingen die Umstände im Innern des Stücks (oder meine begrenzten handwerklichen Fähigkeiten) zu einer Planänderung. Die Ergebnisse sind keine „museumsreife große Kunst“, aber Etliches kann man sich durchaus auf Dauer oder mehrfach ansehen. Das Nutzen vorhandener Struktur ist übrigens eine Verbindung zu einigen meiner physikalischen Experimente, in denen ich mehrmals überraschend viel Nutzen in Messungen fand, denen andere kaum etwas abgewinnen mochten. Die Wissenschaft lebt nicht nur von perfekten Daten, sondern auch von der sinnvollen Interpretation dessen, was man vorfindet.

Haben Sie für dieses Hobby überhaupt Zeit? Wie lange benötigen Sie denn für eine Skulptur und wo kann man Ihre Kunstwerke sehen?

Da meine eigene Universität mich nicht für meine Lehre bezahlt, habe ich über meine eigene Forschung hinaus derzeit dort auch wenige Pflichten. Wenn ich nicht gerade auswärts Messungen betreibe, mit der Vorbereitung meiner Vorlesung fertig bin, nicht an meinem atomphysikalischen Messaufbau im Bochumer Beschleunigerlabor bastele, nicht in Seminaren und Arbeitsgruppentreffen sitze, am Rechner die neuere Fachliteratur sichte oder Fachzeitschriftenartikel anderer Autoren begutachte oder Daten auswerte und selbst Artikel verfasse, habe ich Zeit für die Bildhauerwerkstatt. Die kleinsten Stücke kosten etwa zwei Stunden Arbeit, mein bisher größtes etwa 80 Stunden Maloche (und viele Pausen vor Erschöpfung). Im Musischen Zentrum konnte ich meine Arbeiten im Kulturhauptstadtjahr als formelle Ausstellung vorführen, daüberhinaus ergaben sich im Laufe der Jahre mehrfach kleinere Einzel- und größere Gemeinschaftsausstellungen. Die meisten meiner Stücke sind im Web zu sehen. (http://www.astro.rub.de/traebert/et_gallery.html)

Herr Träbert, Sie haben das Buch »Radioaktivität – was man wissen muss. Eine allgemeinverständliche Darstellung« geschrieben. Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet und was war Ihre Motivation?

Tja, das Buch wollte ich gar nicht schreiben. Ich stamme zwar wissenschaftlich aus einem kernphysikalischen Lehrstuhl, aber mein Gebiet ist die Atomphysik, also die Untersuchung der Elektronenhülle der Atome, nicht die Untersuchung der Kerne. Das ist der Unterschied zwischen Lampen, Laser, Röntgenstrahlung einerseits und Entwicklung und Modifikation der Materie, Kernkraftwerken, Kernwaffen, kernphysikalischen Tracern in Technik und Medizin anderseits. Nach Tschernobyl schrieb damals der Lehrstuhlinhaber mit einem ehemaligen Assistenten ein Buch, das allgemeinverständlich sein sollte, es aber nicht wirklich wurde. Nachdem das Buch vergriffen und der Hauptautor gestorben war, bemühte sich seine Witwe im Kreis der Kollegen ihres Mannes um eine verständlichere Neufassung. Irgendwann erinnerte man sich an mich, und einer der alten Professoren überredete mich mit der Herausforderung, es mit nur einem Zehntel der Gleichungen zu versuchen, damit es leichter verdaulich würde. Es wurde innerhalb weniger Monate ein Text sogar ganz ohne Gleichungen – das ging denn auch. Zu Hilfe kamen mir Erfahrungen mit Veranstaltungen an Volkshochschulen und mit freien Gruppen, die zwar Sorgen um Kernwaffen und Kernkraftwerke hatten, aber kaum wissenschaftliche Grundlagenkenntnis. Ein wichtiger Anstoß mit Perspektivwirkung stammt vom amerikanischen Kernphysiker Rudi Nussbaum, der sich seit Jahrzehnten darum bemüht, die Schleier der Geheimhaltung um die Strahlenbelastung von Arbeitern aus der amerikanischen Atomwaffenproduktion zu durchdringen und allgemein auf die Gefahren der Radioaktivität hinzuweisen.

Was beschreiben Sie in Ihrem Buch und an wen richtet es sich?

Das Buch beschreibt Radioaktivität als natürlichen Vorgang, die Auswirkungen in unserer Umwelt, verschiedene technische und medizinische Anwendungen, die Verwendung von radioaktiven Materialien in konventionellen und in Atomwaffen, die Wirkungsweise von Kernkraftwerken und welchen Weg radioaktives Material vom Bergbau über den Einsatz im Kraftwerk bis zur Endlagerung durchläuft – und was dabei schief laufen kann. Wie gesagt, das Ganze erfolgt wissenschaftlich-technisch vereinfacht, aber (hoffentlich) korrekt, in lesbarer Form und ohne Mathematik oder physikalische Formeln. Mein Lektor formulierte es freundlich folgendermaßen: „Als Germanist habe ich den Eindruck, es verstanden zu haben.“ Das finde ich gut. Leser ohne naturwissenschaftliche Ausbildung sollen in den Problemkreis eingeführt werden, sich dann aber ihre eigenen Gedanken machen. Ich biete dazu Grundlagenwissen und Argumente an. Einige der Argumente werden sicherlich von manchen Lesern als parteiisch angesehen, denn die Kernkraftdebatte ist nicht nur emotional aufgeladen, sie wird auch von vielerlei Interessen beeinflusst. Ein ehemaliger Studienkollege, der in der Kernkraftindustrie arbeitete, hat mich nach dem Lesen eines Entwurfs sogar kräftig für Dinge beschimpft, die ich gar nicht geschrieben habe.

Sie verdeutlichen in Ihrem Buch die Gefahren der Atomkraft, machen gleichzeitig aber auch klar, dass es die Welt wie wir sie kennen und den Menschen an sich ohne Radioaktivität gar nicht gäbe. Welche Vorurteile möchten Sie mit Ihrem Buch aus der Welt räumen?

Radioaktivität ist nicht böse. Sie ist schlichtweg ein ganz natürlicher Prozess. Haifische sind auch nicht böse, sie füllen eine Nische in ihrer Umwelt, die für unser gesamtes Ökosystem wichtig ist. Wir wollen natürlich nicht von Haifischen gebissen werden und nicht von Nebenwirkungen der Radioaktivität geschädigt. Wenn wir genug wissen, können wir uns Radioaktivität in verschiedener Form zu Nutze machen und uns weitgehend von ihren unangenehmen Nebenwirkungen fernhalten. Ein verbreitetes Vorurteil hält besonders langlebige radioaktive Materialien für besonders gefährlich. Das Gegenteil ist der Fall – ein Stoff, der in dieser Hinsicht lange lebt, zerfällt nicht, ist also nicht (oder nur wenig) radioaktiv. Schützen muss man sich vor anderen Isotopen. Lesen Sie das Buch!

Vielen Menschen ist wahrscheinlich kaum bewusst, dass wir permanent von Radioaktivität umgeben sind. Wie darf man sich das vorstellen?

Unsere Erde ist über 4 Milliarden Jahre nach ihrer Entstehung entscheidend wärmer und damit lebensförderlicher für uns, als sie es ohne die fortwährenden radioaktiven Zerfälle einiger Elemente in ihrem Innern wäre. Wir hätten dann allerdings vermutlich auch weniger Erdbeben und Vulkanismus, es träte kein radioaktives Radon mehr aus dem Erdboden aus. Die Archäologie verwendet die C-14 Methode zur Altersbestimmung etwa von Ötzi. Das geht nur, weil die kosmische Strahlung Atomkerne (hier von Stickstoff) umwandeln kann. Der entstandene Kohlenstoff C-14 gelangt mit der Nahrung auch in unsere Körper; ein kleiner Anteil davon zerfällt innerhalb unseres Körpers unter Aussendung von Strahlung. Es gibt mehrere solcher radioaktiven Nuklide, die wir dauernd aufnehmen und ausscheiden. Wir selbst sind deshalb messbar radioaktiv. Aber die Tatsache, dass es uns (und die Tierwelt) gibt, zeigt, dass die Natur Wege gefunden hat, Schäden in unserer Erbsubstanz (ob biochemisch oder durch Radioaktivität oder kosmische Strahlung verursacht) zu reparieren – so lange es nicht zu viele sind.

In Deutschland gibt es derzeit eine große Bewegung, aus der Kernkraft auszusteigen. Sind Sie auf der Seite der Befürworter oder der Gegner?

Befürworter der Kernkraft? Kernkraft ist ein natürliches Phänomen, unabhängig von menschlichem Für und Wider. Befürworter oder Gegner der Kernkraftnutzung? So einfach ist die Sache nicht. Rein technisch halte ich die Kernkraftnutzung für beherrschbar. Das Problem ist der Mensch, von der Planung und Finanzierung über Bau und Betrieb. Der Betrieb müsste 40 Jahre und länger pannenfrei erfolgen. Das hat noch nirgends geklappt. Wie teuer wird ein Kernkraftwerk und damit der gelieferte Strom, wenn bei Bau und Betrieb die Sicherheit für die Bevölkerung (in welchem Umkreis?) im Vordergrund steht? Alles andere ist eine Abwägung zwischen Kosten und Gefahren. Historisch gesehen werden die Gefahren kleingeredet, wenn man an der Atomtechnologie wirtschaftliches und and Kernwaffen politisches Interesse hat. Die Endlagerfrage ist nicht gelöst, weder für den radioaktiven Abfall aus Kernforschung, Technik und Medizin noch für die erheblich größeren Mengen an abgebranntem Kernbrennstoff und verstrahlten Teilen alter Reaktoren.

Hat Sie überrascht, dass es in einem Hochtechnologie-Land wie Japan zu einer solchen Katastrophe wie in Fukujima kommt? Was sollten die Lehren aus diesem Unglück sein?

Es ist nicht die erste nukleare Panne in Japan. Unzureichend ausgebildetes Personal hat zum Beispiel schon mal radioaktives Material aus verschiedenen Töpfen in einen Eimer zusammengekippt, mit bösen Folgen. Tepco ist Betreiber nicht nur in Fukushima, sondern auch des bislang weltgrößten Kernkraftwerks an der japanischen Westküste, das vor wenigen Jahren von einem Erdbeben beschädigt wurde; mehrere der Reaktoren sind noch immer nicht wieder am Netz. Eine Erbebenzone verläuft dort direkt unter dem Kraftwerksgelände. Tepco hatte dort auch schon mal Betriebsverbot, weil nachgewiesen wurde, dass die fortlaufende Betriebsdokumentation von Kernreaktoren verschleppt und verfälscht worden war. Natürlich behaupten Betreiberfirmen immer, bei ihnen sei alles in Ordnung – ob Kernkraftwerk oder Futtermittelbranche, Gammelfleisch oder Müllverklappung. Pfusch, Geldsparen, kriminelles Bemühen, Unfähigkeit, … Japan hat zusätzlich mit dem Problem zu tun, dass seine Kultur den Konsens schätzt und deshalb offene Kritik und Widerspruch nicht duldet. Das erschwert – in unserem westlichen Wissenschaftsverständnis – einen Dialog, der Probleme aufdecken will, auch wenn dabei die Ansichten von Personen kritisiert werden könnten.

Die japanische Regierung und die Betreiberfirma Tepco haben für die Anhebung der zulässigen Strahlenbelastungen für Mitarbeiter des Fukushima-Kraftwerks sowie für das Ablassen von radioaktivem Wasser ins Meer viel Kritik einstecken müssen. Nach allem, was Sie wissen: Wie gefährlich ist die Situation für die Menschen und für die Meereswelt?

Die Reaktoren in Fukushima enthalten etwa zehnmal so viel radioaktives Material wie der in Tschernobyl explodierte. In Tschernobyl wurde das Material aber durch das Feuer (auch des Graphitmoderators) in die Atmosphäre geschickt und verteilt. In Fukushima ist das meiste Material weiterhin eingeschlossen, also am Ort geblieben. Die mit den Sicherungsarbeiten beschäftigten Arbeiter werden viel Strahlung abbekommen. Viele von ihnen werden im Laufe der nächsten Jahrzehnte auf verschiedenste Weise erkranken und sich wegen ihres geschädigten Immunsystems nicht so gut dagegen wehren können und sich kaum erholen. Viele werden (auch unter schweren Leiden und Schmerzen) früher sterben als ohne den Einsatz in der Kraftwerksruine. Aber kaum jemand wird den Nachweis führen können, dass im Einzelfall die radioaktive Strahlung die Ursache der Erkrankung ausmacht. Wenn die Fische im Meer verseucht werden, durch Wasser oder durch das Fressen kleinerer Lebewesen, die ihrerseits verseucht sind, so erleiden sie die gleichen Schäden wie wir Menschen, werden aber in der Regel selbst gefressen, bevor sie erkranken (oder sie werden gefressen, weil sie geschwächt einem Raubfisch nicht mehr entkommen). Die Radioaktivität wandert derweil in der Futterkette weiter, in Richtung Mensch, verdünnt, aber nicht vergangen. Wenn die Konzentration radioaktiven Materials stark verdünnt ist, können wir die Auswirkung auf die menschliche Gesundheit statistisch nicht mehr von der in unserer Umwelt sowieso vorhandenen Stoffe unterscheiden. Zigtausende Japaner leben in der Zone dazwischen. Der weitaus größte Teil der Weltbevölkerung wird von dieser Kernkraftwerks-Katastrophe nicht nennenswert betroffen.

Egal ob Tschernobyl, Three Mile Island oder Forsmark – stets führte es zur (Beinahe-) Katastrophe, dass die Operateure nicht über den genauen Zustand des Reaktors Bescheid wussten. In Fukushima weiß man heute noch nicht genau über den Zustand der Reaktoren Bescheid. Wir fliegen zum Mond, können aber im Ernstfall einen Reaktor-Zustand nicht genau messen? Wie kann das sein?

Zum Messen braucht es Messgeräte und Datenübermittlung. Als die Apollo-Kapsel hinter dem Mond flog, waren alle Messgeräte noch vorhanden, aber keine Übermittlung zur Erde möglich – die Radiowellen brauchten Sichtverbindung. Ohne Strom kann kein Rechner Sensoren auslesen – wenn denn für den jeweiligen Zweck die richtigen am richtigen Ort sind. Unter genügend unangenehmen Bedingungen (Erdbeben, Tsunami, Überhitzung, radioaktive Strahlung) können Detektoren auch schlichtweg überlastet, beschädigt oder zerstört werden.

Was halten Sie von modernen Atomenergie-Lösungen, wo angeblich keine Kernschmelze mehr möglich sein soll?

Auf dem Papier gibt es viele Konzepte fortschrittlicher Kernreaktoren. Viele Vorbeugungsmaßnahmen hätte man schon in frühere KKW einbauen können. Zu jedem Zeitpunkt hat die Reaktorindustrie immer nach ihrer eigenen Darstellung praktisch perfekte Geräte versprochen. Hinterher ist man immer schlauer – manchmal hätte man aber auch schon früher die Erkenntnisse umsetzen können. Wie gesagt, der Mensch ist ein Teil des Problems, das liebe Geld – und irgendwie auch der eher schleichende Fortschritt der Kerntechnik. Die Kernschmelze ist nur eines der Probleme. Auch ohne Kernschmelze wissen wir nicht wohin mit den alten Brennelementen deutscher Kernkraftwerke. Auf Dauer!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass möglichst viele der von Tschernobyl und Fukushima Betroffenen eine lebenswerte Zukunft haben. Dass ich das Buch nicht in ein paar Jahren wegen der nächsten Kernkraftwerkskatastrophe oder wegen machtpolitischen Missbrauchs von Kernwaffen aktualisieren muss. Indien bereitet gerade den Bau des dann weltgrößten Kernkraftwerks in Jaitapur an seiner Westküste vor – in einem bekannten Erdbebengebiet …

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Fabian Sluga.


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