Im Interview:

Dieter Hildebrandt

In der Zentralkartei der NSDAP wurden die Schriftsteller Siegfried Lenz und Martin Walser sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt als Parteimitglieder geführt. Darüber berichtet im Juli 2007 ein Nachrichtenmagazin.

Dieter Hildebrandt bezeichnet die Berichterstattung als »Rufmord«, weil er niemals einen entsprechenden Aufnahmeantrag unterschrieben oder von der Mitgliedschaft gewusst habe.

Für Kiepenheuer & Witsch stellt er sich im den Fragen des Schriftstellers Bernd Schroeder zum Thema. Zusammen mit Bernd Schroeder hatte Dieter Hildebrandt im Herbst 2006 seine Autobiographie Ich mußte immer lachen im Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.

Schroeder: Ein Journalist schreibt im Zusammenhang mit dem Vorwurf, Hildebrandt sei wissentlich in die NSDAP eingetreten, er sei auch ein begeisterter HJ-Führer gewesen. Wo nimmt er das her?

Hildebrandt: Das weiß ich nicht.

Schroeder: Vielleicht aus unserem Buch? Da sagst Du einmal: »1939 war ich zwölf Jahre alt. Ich glaubte an alles, was man mir erzählt hat, ich dachte, es kann gar nichts schiefgehen, weil wir so ein starkes Volk sind.« Hattest Du in der HJ eine führende Funktion?

Hildebrandt: Ich war sechs Wochen lang Jugendzugführer bei der Flieger-HJ, weil sie mich dort als Spieler für eine Fußballmannschaft brauchten.

Schroeder: Im Februar 1944 sollst Du in die NSDAP aufgenommen worden sein. Wissentlich, sagen die einen, unwissentlich, sagst Du. Und die Historiker streiten, denn sie wissen offensichtlich nichts.

Hildebrandt: Sie sollten die Zeitzeugen befragen. Mir schreiben jetzt viele meines Jahrgangs 1927, die bestätigen, daß sie ohne ihre Unterschrift in die Partei aufgenommen worden sind.

Schroeder: Man könnte sagen, Zeitzeugen schönen oder korrigieren ihre Biographie.

Hildebrandt: Welchen Grund hätte ich haben sollen, im Februar 1944 freiwillig in die Partei einzutreten? Wir hatten ein Jahr vorher schon die Sportpalastrede von Goebbels gehört (18. Februar 1943 – »Wollt ihr den totalen Krieg?«), da ahnten wir schon, wo das hingeht.
Inzwischen war Stalingrad zu Ende, Berlin zerbombt, Deutschland lag am Boden. Und wir waren irgendwo im Feld und schauten, wie wir unbeschadet davonkommen. Wir wußten, daß es keinen Endsieg mehr geben würde und die Begeisterung war denkbar gering. Vor allem spielte die Partei überhaupt keine Rolle mehr für uns.

Schroeder: Wenn man Dir damals einen Aufnahmeantrag vorgelegt hätte, hättest Du ihn unterschrieben?

Hildebrandt: Das ist schwer zu sagen. Vielleicht hätte ich Angst gehabt, daß ich in irgendeine Strafkompanie komme, wenn ich nicht unterschreibe. Ich weiß es wirklich nicht.

Schroeder: In einem Deiner ersten Kabarettprogramme in den Fünfzigerjahren hast Du die Namen von Abgeordneten im neuen deutschen Parlament verlesen, die Mitglieder der NSDAP waren und höhere Funktionen hatten. Wenn Du damals gewusst hättest, daß Du eine Parteimitgliedschaftsnummer hast, hättest Du das dann auch getan?

Hildebrandt: Ja. Ich hätte es gesagt. Ich hätte gesagt, ich habe zwar eine Nummer, aber ich habe für die Zukunft der NSDAP nichts getan und keine Bedeutung gehabt – im Gegensatz zu jenen Herren.

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