Im Interview:

Bastian Sick

Bastian Sick im Gespräch...

Herr Sick, woher haben Sie’s, Ihr Faible für die deutsche Sprache?

Sprache hat mich fasziniert, seit ich sprechen kann. Und kaum hatte ich lesen und schreiben gelernt, fing ich auch schon an, eigene kleine Geschichten zu schreiben. Meinen ersten Roman schrieb ich mit elf, später folgten Theaterstücke, die zum Teil auch aufgeführt wurden. Das waren Schülerversuche, wohlgemerkt von ernstzunehmender Literatur meilenweit entfernt, aber schon damals zeichnete sich ab, dass ich irgendetwas mit Sprache machen würde. Ich hatte außerdem immer großes Vergnügen an Wortspielen, ich liebe das Kreuzworträtsel in der Zeit und habe über viele Jahre nahezu täglich mit meiner Großmutter Scrabble gespielt. Der Duden lag dabei immer auf dem Tisch.

Wie ist die Zwiebelfisch -Idee entstanden: aus Zufall, aus Empörung?

Bevor ich Kolumnist wurde, war ich Dokumentationsjournalist und Schlussredakteur. Meine Arbeit bestand darin, die Texte der Kollegen aus der Redaktion zu korrigieren. Wann immer ein bestimmter Fehler besonders häufig auftrat, habe ich ein Memo verfasst und per E-Mail an alle Kollegen verschickt. Damit diese Memos auch gelesen und nicht gleich gelöscht wurden, habe ich sie in Humor verpackt – so fühlten sich die Kollegen nicht nur belehrt, sondern auch unterhalten. Meinem Chef gefiel das so gut, dass er mir eines Tages vorschlug, aus meinen Texten eine Kolumne zu machen. So wurde der Zwiebelfisch geboren.

Es ist erstaunlich, wie viel genauer man sich selbst und anderen aufs Maul schaut, nachdem man Ihr Buch gelesen hat. Plötzlich lauern Sprachverstöße überall, auch in den renommierten Blättern. Mal ehrlich: Wie halten Sie das aus, wo Sie doch sicher um ein Vielfaches sensibilisierter sind als Ihre Leser?

Alle meine Leser sind überdurchschnittlich sprachsensibilisiert, einige von ihnen ertragen bestimmte Sprachverstöße viel schwerer als ich und meinen, dagegen müsse ich doch endlich mal was tun, wo ich selbst noch denke: Ach, so schlimm finde ich das gar nicht. Ich bin Sprachwissenschaftler, kein Polizist. Sprachverstöße bringen mich nicht auf die Palme, im Gegenteil, viele bereiten mir sogar Vergnügen, in jedem Fall interessieren sie mich, immerhin bilden sie die Grundlage meiner Arbeit.

Wie dürfen wir uns Ihre Bibliothek vorstellen: Duden an Duden, Stilbuch an Stilbuch – und was lesen Sie privat?

Ich mag Literatur, die meine Fantasie beflügelt und meine Seele berührt. Das letzte Buch, das mich richtig gepackt hat, war Schiffbruch mit Tiger. Einer meiner Lieblingsautoren ist Wolfdietrich Schnurre, den ich sogar noch persönlich kennen gelernt habe. Seine Sprache hat mich tief bewegt: unprätentiös, schnörkellos, fast trocken, und immer auf den Punkt. Ich besitze aber auch alle Bände von Harry Potter und denke daran, eines Tages selbst mal Kinderbücher zu schreiben, wenn mir zum Thema Sprache nichts mehr einfällt. Vorerst aber habe ich dazu noch viel zu sagen und schreiben.

Plötzlich sind Sie ein »Sprachhüter«, sogar als »Sprachpapst« hat man Sie bezeichnet, und Ihr Buch verkauft sich wie geschnitten Brot. Ist es schwierig für Sie, mit dieser Rolle und der wachsenden Popularität umzugehen?

Bei meinen Themen – Rechtschreibung, Stil und Grammatik – laufe ich kaum Gefahr von kreischenden Teenagern verfolgt zu werden, daher lässt sich die gestiegene Bekanntheit bis jetzt noch ganz gut ertragen. Meine Leser sind überaus höflich und liebevoll, manche schicken mir selbst verfasste Gedichte oder Bücher, und immer wieder danken sie mir in E-Mails und Briefen und versorgen mich mit neuen Anregungen und Beispielen. Ein angenehmeres Publikum könnte sich wohl kein Autor wünschen. Die Titel, die man mir in den Medien verleiht, sind allesamt nett gemeint, aber maßlos übertrieben. Ich war zufällig mit dem richtigen Buch zur rechten Zeit auf dem Markt, das macht einen noch lange nicht zum Papst.

Was empfehlen Sie den Lehrern an deutschen Schulen oder den Dozenten unserer Journalistenschmieden; Wie kann die Vermittlung der deutschen Sprache genauer und nachhaltiger und dabei leichter und lustvoller geschehen?

Ich habe seit 20 Jahren keine Schulklasse mehr betreten und kann nicht beurteilen, was man im Deutschunterricht besser machen könnte. Meine Schwester ist Deutschlehrerin, und ich glaube eine sehr gute. Sie unterrichtet nicht nur mit dem Schulbuch, sondern mit dem Herzen – das ist die beste Art und Weise, Dinge zu vermitteln. Ich hatte Lehrer, die brauchten weder Lehrbücher noch Overheadprojektor, die stellten sich einfach vorne hin und erzählten Geschichten, Gleichnisse, Fabeln – und erklärten mit Händen und Füßen, ließen vor unseren Augen Literatur und Geschichte lebendig werden – da hörten wir Schüler wie gebannt zu. Wenn unser Lehrer Herr Franke von Luther erzählte, dann WAR er Luther.

Den Journalistenschulen würde ich empfehlen, mehr Wert auf das Handwerkszeug zu legen, sprich: die Beherrschung der Sprache. Ich finde es übertrieben, wenn jemand nicht Polizist werden kann, weil er bei der Aufnahmeprüfung im Diktat scheitert. Für Journalisten sind orthografische Kenntnisse viel wichtiger als für Polizisten. Trotzdem werden diese Kenntnisse weder trainiert noch kontrolliert. Wäre ich Chefredakteur einer Zeitung, ließe ich alle Bewerber grundsätzlich erst mal ein Diktat schreiben. Denn wer den Lesern die Welt mit Worten erklären will, der muss zunächst sein Handwerkszeug beherrschen.

Obwohl Ihr Ansatz ein anderer ist als der von Wolf Schneider und anderen prominenten Sprachkritikern: Sehen Sie sich in einer Tradition der deutschen Sprachpflege?

Die Bücher Wolf Schneiders habe ich mit Vergnügen und Gewinn gelesen, aber meine Arbeit geht nur zum Teil in seine Richtung. Wolf Schneider schrieb vor allem für Journalisten, er hätte sich kaum damit aufgehalten, seinen Lesern den richtigen Gebrauch des Konjunktivs und den Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu erklären. So etwas hat er als Schulkenntnis vorausgesetzt. Ich hingegen schrecke nicht davor zurück, meinen Lesern auch Grammatik zu vermitteln. Schon der Titel meines Buches Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod weist ja daraufhin, dass es nicht nur um elitäre Sprachpflege geht, sondern auch um Alltagsdeutsch, um Sprachprobleme, die uns allen geläufig sind, ob wir selbst nun Journalisten sind oder Leser, Schüler oder Lehrer, Kaufleute oder Juristen, Beamte oder Rentner.

Sprechen und Schreiben sind Prozesse, die viel mit Zeitgeist zu tun haben. Gibt es Ihrer Meinung nach nicht auch Sprachverstöße, die der Entwicklung unserer Sprache positive Impulse geben – und wäre das nicht sogar ein Thema für ein neues Buch?

Selbstverständlich! Sprache lebt von Veränderung, sie entwickelt sich ständig weiter. Was heute noch als falsch gilt, kann morgen bereits richtig sein. So war es schließlich immer schon. Nehmen Sie als Beispiel nur das Wort »Handy« – das klingt wie Englisch, ist es aber nicht. Auf Englisch heißt es »mobile phone« oder »cellular phone«. »Handy« ist also ein Kunstwort, das internationales Flair vortäuscht, ohne international verständlich zu sein. Trotzdem hat es sich in unserer Sprache durchgesetzt, weil das Wort genauso praktisch und klein ist wie die Geräte selbst.

Das Interview führte Katja Ernst.
© Katja Ernst. www.der-audio-verlag.de. Mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Happy Aua 2

Bastian Sick

Happy Aua 2Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache

Broschur, Erscheinungsdatum: 03.11.2008

Alles Negatiefe wird positief!

Wer die Welt verstehen will, muss sie lesen, heißt es. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn vor dem Lesen kommt das Schreiben. Und Bastian Sick entdeckt dort immer wieder eine faszinierende und schillernde Welt. Ob es sich dabei um das ...


Happy Aua

Bastian Sick

Happy AuaEin Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache

Broschur, Erscheinungsdatum: 22.08.2007

Gordon Blue, gefühlte Artischocken, strafende Hautlotion – nichts, was es nicht gibt!

Bastian Sick sammelt sie Woche für Woche. Seit er seine Internet-Kolumne Zwiebelfisch schreibt, erreichen ihn täglich die mal komischen, mal erschreckenden Entdeckungen seiner Leser und Leserinnen ...



Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Bastian Sick

Der Dativ ist dem Genitiv sein TodFolge 1

Broschur, Erscheinungsdatum: 19.08.2004

Die erfolgreiche Spiegel-Online-Kolumne Zwiebelfisch - als Buch über eine Million verkaufte Exemplare!

Die oder das Nutella – diese Frage hat schon viele Gemüter am Frühstückstisch bewegt. Der, die, das – wieso, weshalb, warum? Ob Nutella nun weiblich oder sächlich ist, ist ...


Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 2

Bastian Sick

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 2Folge 2

Broschur, Erscheinungsdatum: 19.08.2005

Wenn alle Fälle davonschwimmen … Die zweite Folge des Sensationserfolges

Noch nie sorgte ein Buch über den richtigen Umgang mit der deutschen Sprache für ein solches Aufsehen und begeisterte Hunderttausende von Lesern. Bastian Sick ist heute Deutschlands bekanntester Sprachpfleger, ...



zurück zur Übersicht der Interviews