Interview:

A.M. Homes

Die Autorin des Bestsellers Dieses Buch wird Ihr Leben retten erzählt in ihrem neuen Buch Die Tochter der Geliebten ihre eigene Geschichte. Und auch die liest sich wie ein Roman. Als Adoptivkind erfährt A.M. Homes erst mit 31 Jahre, wer ihre leiblichen Eltern sind. Es folgt eine emotionale Detektivgeschichte, bewegend, authentisch, brillant.

Im Interview erzählt A.M. Homes, wie es zu diesem Buch kam und ob sie sich seit der Begegnung mit ihren leiblichen Eltern verändert hat.

»Familie ist das, was jemand für sich als Familie auswählt.«

Die Tochter der Geliebten ist nach acht bereits veröffentlichten Büchern Ihr erstes autobiographisches Buch. Warum haben Sie sich zu solch einem persönlichen Schritt entschieden?

In Die Tochter der Geliebten erzähle ich die Geschichte eines bestimmten entscheidenden Ereignisses in meinem Leben – eine sehr merkwürdige, jenseitige Erfahrung. Und da ich jemand bin, der schreibt um den Dingen auf den Grund zu gehen und ihnen einen Sinn zu geben, war es für mich selbstverständlich ein Buch daraus zu machen. So wollte ich das Erlebte verstehen lernen.

Haben Sie rein aus der Erinnerung geschrieben oder schon während der Ereignisse mit dem Buch begonnen?

ch habe zehn Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben. Als sich die Ereignisse überschlugen, habe ich mir viele Notizen gemacht. Wenn ich Dinge aufschreibe hilft es mir, sie zu bewahren und zu ordnen. Ich war überrascht, dass ich die Geschichte in den ganzen zehn Jahren immer gleich erzählt habe, aber es hat mir auch gezeigt, dass ich sie richtig erzähle. Ich bin sehr zufrieden mit den genauen Beschreibungen der Fakten und der Gefühle.

Wie haben Sie diesen sehr persönlichen Schreibprozess erlebt?

Ich empfand es als sehr schmerzhaft und schwierig, mich immer wieder in die Geschichte reinzudenken – es war, als ob ich immer wieder in einer Wunde herumstochern würde. Es war wirklich qualvoll. Obwohl ich mein Bestes geben wollte, fehlten mir vor allem all die Freiheiten, die einem die Fiktion bietet, sehr. Denn was mir besonders am Schreiben gefällt, ist, dass ich Charaktere entwickeln kann, die so ganz anders sind als ich. Es war schwierig, mich mit mir selbst zu beschäftigen – und es war wirklich eine der schmerzhaftesten Phasen in meinem ganzen Leben.

Es ist interessant, dass Sie Ihre Geschichte sowohl strukturell als auch emotional so strikt in zwei Teile unterteilt haben. Warum haben Sie sich für solch einen harten Bruch in Ihrem Buch entschieden?

Der erste Teil hat eine herkömmliche Erzählperspektive, es ist die simple Nacherzählung einer Geschichte. Beim zweiten Part habe ich mich nicht sehr stark an Strukturen gehalten, um besser meine Gefühle zum Ausdruck bringen zu können.

Würden Sie sagen, dass Sie immer irgendwie gespürt haben, dass Sie mit Ihren Adoptiveltern nicht verwandt sind?

Nein. Ich stehe meiner Familie sehr nah. Ich würde sagen, ich bin eine Mischung aus meiner biologischen Familie und meiner Adoptivfamilie. Es ist unmöglich die genetischen und die adaptiven Gegebenheiten zu trennen.

»Zur Adoption frei gegeben zu werden, verursacht eine Verletzung, mit der man zwar zu leben lernt, aber die Wunde heilt niemals ganz.«

Wie haben Sie sich gefühlt, als Ihre Mutter Ihnen erzählte, dass Ihre leibliche Mutter Sie gerne treffen würde?

Es war, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen wegzieht. Ich fühlte mich plötzlich so, als ob ich nicht mehr wüsste, wer ich bin.

Hatten Sie sich denn vollständig gefühlt, bevor Sie Ihre leiblichen Eltern das erste Mal trafen?

Bevor ich meine biologischen Eltern getroffen habe, hatte ich einen gewissen Frieden mit all den Dingen geschlossen, die ich nicht wusste. Nachdem ich sie getroffen hatte, gab es komischerweise noch viel mehr was ich nicht wusste – und niemals wissen werde. Immer wenn mich diese Tatsache traurig macht, versuche ich so komplett zu sein wie nur eben möglich. Das bedeutet aber wohl auch, dass ich immer unvollständig bleiben werde. Zur Adoption frei gegeben zu werden, verursacht eine Verletzung, mit der man zwar zu leben lernt, aber die Wunde heilt niemals ganz.

Haben Sie sich seit dieser Begegnung verändert?

Ich glaube nicht, dass ich mich verändert habe, nur weil ich meine leiblichen Eltern kennengelernt habe. Ich habe mich vielmehr verändert, weil ich gewachsen bin. Ich habe meinen Horizont erweitert und habe tieferes Verständnis für meine biologische und meine Adoptivfamilie erlangt.

Gibt es etwas, das Sie im Bezug auf Ihr Verhältnis zu Ihren Adoptiveltern bereuen? Hätten Sie im Nachhinein lieber etwas anders gemacht?

Wenn ich ein reuiges Leben führen würde, würde ich nicht frei leben können. Allerdings wäre ich manchmal gerne etwas stärker und weniger ängstlich gewesen. Besonders im Bezug darauf, welch starken Einfluss die beiden auf mein Leben genommen haben. Dann wäre ich sicher in der Lage gewesen, mehr Fragen zu stellen, um noch mehr herauszufinden.

Was ist Ihre ganz persönliche Definition von Familie?

Familie ist das, was jemand für sich als Familie auswählt. Für mich bedeutet es eine Kombination aus engen Freunden, Haustieren und den Menschen, die all meine Erfahrungen, Erfolge und Fehlschläge miterlebt haben und gerne mit mir teilen.

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Die Tochter der Geliebten

A.M. Homes

Die Tochter der Geliebten

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 16.09.2008

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