Tee mit Frau Darré: Moritz Rinke erzählt davon, wie das wahre Leben sich in seinen Worpswede-Roman mischt. Auf der Lesereise mit Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel trifft Fiktion auf Wirklichkeit bzw. der Autor auch schon Mal die Töchter und Söhne seiner Romanfiguren zum Tee.
Autoren gehen auf Lesereise, das ist nichts Weltbewegendes und ich möchte niemanden mit Lesereisen behelligen zwischen Friedrichshafen und Lüneburg, obwohl man manchmal an kulturell interessante Orte kommt. Letzte Woche las ich in einem Autohaus in Sottrum und auf einer Barkasse auf der Elbe. Manchmal wache ich morgens auf und reiße panisch die klebrige Gardine dieser typischen Lesereisenhotels auf, weil ich keine Ahnung mehr habe, wo ich bin. Einmal rief ich die Rezeption an und fragte: »Wo bitte bin ich denn?? Gießen? Oder doch Kassel?« – »Nee, Augsburg!«, hat sie geantwortet, die Rezeption.
Lena, den iPad und den Zerfall unseres Staates nehme ich nur am Rande wahr. Als der Bundespräsident zurücktrat, war ich gerade auf Lesereise in den Norden und bei einer der Töchter vom NS-Reichsbauernführer Richard Walther Darré zum Tee eingeladen. Man muss dazu sagen, dass mein Roman in der Künstlerkolonie Worpswede spielt und dass die Hauptfigur im Garten seines Großvaters diese riesige Skulptur von Darré, des ersten Bauernführers von Hitler, findet, was nicht erfreulich ist. Darré war nie in Worpswede gewesen, das ist fiction, aber seine Tochter lebt dort, was ich überhaupt nicht wusste, es wusste niemand. Und das, was die Tochter mir dann beim Tee mitteilte, hat mich sehr bewegt. Wie sehr ihr diese Fiktion geholfen habe, ihren Vater loszulassen, abzustoßen und endlich zu begraben. Sie habe den Roman auch ihren Kindern geschenkt, damit sie einmal lesen, wie ihr Großvater ausgebuddelt wird. Dann zeigte sie Fotos von früher, und ich sah in das Gesicht eines Mädchens, an das ich mich erinnern konnte, Maren!, einer meiner Jugendfreunde war in Maren verliebt, ich vielleicht auch, so viele Mädchen gab es ja in Worpswede nicht. Aber wie hätte ich damals ahnen können, dass ich anhand des Großvaters von dieser Maren später das ganze Jahrhundert von hinten nach vorne aufzäume? Wahnsinn, habe ich gedacht. (Dass alles »wahnsinnig« ist, haben wir ja von Lena und Stefan Raab gelernt.)
Ein paar Tage später ist in Hannover wieder etwas passiert. Ein älterer Mann kam nach der Lesung und stellte ein Taufbecher auf mein Skript. »Wissen Sie, von wem der ist? Von Darré, dem ersten Bauernführer!« – »Wie kommen Sie denn zu diesem Becher, das ist ja Wahnsinn?«, fragte ich. »Darré ist mein Patenonkel«, sagte er, »ich bin der Sohn vom zweiten Reichsbauernführer Herbert Backe.«
Gegen Backe war Darré ein Lamm, er wurde auch von Hitler ausgetauscht, weil Backe konkrete Pläne hatte, wie man den Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitet und wie man durch »Aushungerung des Ostraums« für »arischen Lebensraum« sorgt.
Im Roman wird dieser Nazi-Backe auch ausgegraben, das wusste aber der Backe-Sohn nicht, als er vor mir stand, er hatte nur in einer Zeitung gelesen, dass sein Patenonkel in dem Roman vorkommt.
Mittlerweile bin ich besessen von der Idee, alle Töchter und Söhne der Reichsbauernführer zusammen zum Tee einzuladen, um zu sehen wie sich Leben und Fiktion mischt. Wie das Vergangene plötzlich in die Gegenwart greift. Und vielleicht genau das passiert, was Paul, der Hauptfigur, in dem Roman widerfährt: dass sie sich nämlich nach und nach herausschält aus den Zeiten und dass in allen Generationen immer die Väter und Vorväter präludieren. Wie auf einem wankenden Grund steht Paul auf der Kriegs- und der 68er-Generation. Man kann noch so den radikalen Gegenwartsroman und das Gegenwartstheater einfordern (Finanzkrise! Etc.), aber was soll das sein, wenn man nichts über die Geschichten und die wankenden Gründe der Menschen wissen will? Blutleerer Wahnsinn…
© Moritz Rinke. Alle Rechte vorbehalten.
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