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Barack Obamas Lieblingsautor Saul Bellow in neuer deutscher Übersetzung

© University of Chicago

Jetzt beweist der Mann auch noch literarischen Geschmack: Der 44. US-Präsident Barack Obama hat sich bei einem Wahlkampfauftritt in Philadelphia zu zwei Lieblingsautoren bekannt, die sein Denken maßgeblich geprägt hätten: Philip Roth und Saul Bellow. Nun, da der aufregendste Politiker der Gegenwart frisch inauguriert ist, wird dessen erklärter Lieblingsautor Saul Bellow (1915 – 2005) dem deutschen Publikum neu vorgestellt.

Die Neuübersetzungen der drei bekanntesten Romane von Saul Bellow erscheinen in diesen Tagen bei Kiepenheuer & Witsch. Mit diesem Übersetzungsprojekt darf der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1976 und vielleicht größte amerikanische Autor des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum neu entdeckt werden.

Saul Bellows deutsche Lektorin Bärbel Flad, die unter anderem auch die Übersetzungen von Gabriel García Márquez, Don DeLillo und dem aktuellen Literaturnobelpreisträger Jean Marie Gustave Le Clézio lektoriert, stellt die Romane vor.

 

Drei große Romane von Saul Bellow

Von Bärbel Flad

In Saul Bellows Werk sind viele Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im jüdischen Kleine-Leute-Milieu Chicagos eingegangen, aber nicht nur diese Erfahrungen und die Figuren dieser Welt werden von ihm literarisch verarbeitet, sondern auch weite Bereiche seines Lebens als Leser, als Denker, als Bürger seines Landes, als homme à femmes: »Ein Roman ist die bessere Autobiografie«, hat Saul Bellow einmal gesagt. Als Höhepunkte seiner schriftstellerischen Karriere gelten die drei Romane Die Abenteuer des Augie March (1953), Herzog (1964), Humboldts Vermächtnis (1975).

Die Abenteuer des Augie March, aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens

Die Abenteuer des Augie March ist eine Mischung aus Bildungs- und Abenteuerroman. Augie erzählt im Rückblick die Geschichte seiner Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenjahre.

Augie, 1915 geboren, im selben Jahr wie Saul Bellow, wächst mit seinen Brüdern ohne Vater in großer Armut an der South Side Chicagos bei seiner fast blinden Mutter auf. Um die Erziehung der Kinder bemüht sich die Untermieterin Oma Lausch, die vor ihrer Emigration noch den Glanz des zaristischen Russlands kennengelernt hat. Während der ältere Bruder Simon sich anstrengt, aus diesem ärmlichen Milieu herauszukommen, lässt sich Augie eher treiben. Er arbeitet als Faktotum für neureiche jüdische Familien, sieht, wie man reich wird und dann während der Depression das Geld wieder verliert. Er studiert ein bisschen, wird fast kriminell, arbeitet für die Gewerkschaften – ein oft naiver, optimistischer Beobachter einer brodelnden Stadt und ihrer Bewohner. Mit seiner großen Liebe Thea geht Augie nach Mexiko, wo Thea mit einem gezähmten Adler Leguane jagen will, die teuer an Zoos verkauft werden sollen. Der Adler ist aber so zahm, dass er sich vor den Leguanen fürchtet, und Augie genügt letztlich auch nicht den an ihn gestellten Erwartungen. Die Liebe zerbricht. Nach einer großen Krise findet Augie Stella, die er zu Beginn des 2. Weltkriegs in New York heiratet, bevor er als Marinesoldat nach Afrika eingeschifft wird. Auf der Überfahrt wird das Schiff torpediert, er überlebt knapp und unter absurden Umständen in einem Rettungsboot. Die Nachkriegsjahre verbringt Augie mit Stella in Paris. Erfolgreich im boomenden Schwarzhandel tätig, ist er wieder optimistisch auf der Suche nach einem neuem Lebensinhalt.

 

Herzog , aus dem amerikanischen Englisch von Walter Hasenclever, überarbeitet von Bärbel Flad

Auch Professor Elkanah Herzog stammt aus einer armen russisch-jüdischen Familie von der South Side Chicagos. Seine Brüder haben es zu großem Reichtum gebracht, er ist „nur“ Universitätsprofessor, Verfasser eines berühmten Buches über die Romantik und Besitzer eines verfallenden Landhauses in den Berkshires. Und er ist nach dem Scheitern seiner zweiten Ehe mit der schönen zickigen Madeleine, die ihn mit seinem besten Freund betrogen hat, in einer tiefen Lebenskrise. Er ist nicht mehr in der Lage den zweiten Band seines Buches zu vollenden, die Universität hat er aufgegeben.

Verzweifelt versucht er, einen Überblick über seine Lebenssituation und seinen Seelenzustand zu bekommen. Er hetzt von Ort zu Ort. In Chicago, wo die beiden Exfrauen und seine Brüder leben, sieht er unter absurden Umständen seine kleine Tochter. In New York trifft er sich mit der verführerischen, nicht mehr ganz jungen Ramona, die ihm helfen will, aber auch unbedingt Frau Professor Herzog werden möchte. Vor allen flieht er in die Berkshires in sein Haus, das er mit Mäusen und Vögeln teilt. Immer wieder wird ihm bewusst, dass er nicht für diese Welt gemacht zu sein scheint. Er verstrickt sich in tragikomische Situationen, weil sein Kopf übervoll ist mit Gedanken zu Philosophie, Geschichte, Politik, zu seinem Leben. Dieser Aufruhr in ihm bricht sich Bahn in langen inneren Monologen und auch in Briefen, die er im wahrsten Sinn des Wortes an Gott und alle Welt (z. B. Heidegger, Eisenhower, seine Familie) schreibt. Er schickt die Briefe nicht ab, sie dienen ihm als Wegweiser in verschiedene Phasen und Ereignisse seines Lebens. Er sucht nach Erklärungen, warum er so ist, wie er ist. In der Ruhe der Berkshires, in der Natur kommt er schließlich allmählich zu sich.

 

Humboldts Vermächtnis, aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld

Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans ist der Schriftsteller Charlie Citrine, der seine besten Tage hinter sich hat. Er ist zum Zeitpunkt seiner Erzählung (Anfang der 1970er Jahre) fast 60. Auch er stammt aus Chicago.

Als junger Mann, der sich für Literatur begeistert, bricht er Ende der 1930er Jahre nach New York auf, um die Nähe des großen Dichters Von Humboldt Fleisher zu suchen und sich von ihm inspirieren zu lassen. Die beiden werden enge Freunde. Humboldt führt Charlie in die intellektuellen Kreise New Yorks ein und verhilft ihm zu einem Lehrauftrag in Princeton. Während Humboldts Stern sinkt, was der monomane Dichter nicht verkraften kann, beginnt Charlies Aufstieg. Durch den Riesenerfolg seines Theaterstück »Von Trenck« am Broadway wird er ein reicher Mann, macht sich dazu als Biograph großer Amerikaner einen Namen. Aber er hat auch durch einen tragischen Unglücksfall seine große Liebe Demmie Vonghel verloren. Die Freundschaft mit Humboldt ist zerbrochen, der depressiv und in großer Armut stirbt. Mit seiner Frau Denise, die vor allem sein Geld und seinen Ruhm geheiratet hat, kehrt Charlie in seine Heimatstadt Chicago zurück.

Von den Problemen des Alltags gefesselt – Denise foltert ihn mit einem mörderischen Scheidungsprozess -, kann Charlie Citrine nicht mehr schreiben. Er sucht Trost in den Armen der üppigen, etwas zwielichtigen Renata und Ablenkung in Begegnungen mit dubiosen Figuren der Chicagoer Unterwelt. Eine Pokerschuld bei dem geschäftstüchtigen kleinen Mafioso Rinaldo Cantabile stürzt ihn in weitere Probleme. Vor all dem flieht er mit Renata nach Europa, in der Hoffnung, sie dort zu heiraten. Aber sie lässt ihn schnöde sitzen. Zunehmend denkt Charlie Citrine über die Rolle des Schriftstellers in der modernen Welt nach, die gefährlichen Verstrickungen mit Macht und Geld. Erinnerungen an Von Humboldt, an dessen jämmerlichem Tod er sich schuldig fühlt, suchen Charlie heim. Aber er findet zunehmend Stärkung und Trost in der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners. Am tiefsten Punkt seines Lebens taucht ein Testament Humboldts auf, das ein einst von den beiden Freunden verfasstes Filmskript enthält. Zwar hat der geschäftstüchtige Cantabile seine Finger im Spiel, aber Charlie Citrine kann die Rechte lukrativ verkaufen. In New York lässt er Von Humboldt und dessen Mutter in ein repräsentatives Grab umbetten, eine symbolische Geste der Wiedergutmachung. Dann bricht er wieder nach Europa auf.

 

Drei große amerikanische Zeitromane

Alle drei Romane sind in ihrer Zeit verankert, spiegeln Teile der amerikanischen Gesellschaft wider, etwa während der Depression, der Eisenhower-Ära, der Kennedy-Zeit. Sie bestechen durch ihren Episodenreichtum und eine Fülle höchst unterschiedlicher, mit großer, teils liebevoller, teils bösartiger Treffsicherheit gezeichneter Figuren.

Ob es nun um die alten jüdischen Frauen von der Southside Chicagos wie Oma Lausch mit ihrem stinkenden Pudel Winnie geht, um Gersbach mit dem Holzbein, der Herzog die Frau ausgespannt hat, oder Citrines große Liebe, die zauberhafte Demmie Vonghel mit ihren X-Beinen in raschelnden Seidenstrümpfen – alle sind so unvergesslich wie die drei männlichen Hauptfiguren mit ihren Macken, ihrem Wahn und ihrer Exzentrik. Frauenhelden sind diese Männer alle, aber auch Frauenopfer, da sie, obwohl Frauenkenner, oft hinter der falschen her sind. Gegenspieler der oft weltfremden Hauptfiguren sind lebenstüchtige Geschäftsmänner, Juristen, die mit allen Wassern gewaschen sind, und diese Träumer, Denker und Dichter verschlagen über den Tisch ziehen und den dicken Reibach machen.

Die Abenteuer des Augie March ist noch chronologisch erzählt, in einer fast rauschhaften Aneinanderreihung von Episoden; Herzog und Humboldts Vermächtnis sind höchst komplex gebaute Romane mit wechselnden Erzählperspektiven und verschiedenen Zeitebenen. Alle drei Romane sind voll literarischer und geistesgeschichtlicher Anspielungen, insbesondere in den beiden späteren setzen sich die Helden intensiv mit Philosophie, Psychologie und Anthroposophie auseinander, stürzen sich aber immer wieder ins »pralle Leben« und geraten in Situationen, die tieftraurig oder schreiend komisch sind. Aus der Spannung zwischen diesen erzählerischen Elementen entsteht die große Faszination der Bellowschen Romane.

 

Weiter führende Informationen zu Saul Bellow


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