Von Christian von Ditfurth

Eine Journalistin hat sich tatsächlich eine Zeitlang geweigert, den Mann ohne Makel zu rezensieren. Sie fand den Namen des literarischen Helden »Stachelmann« einfach bescheuert. Glücklicherweise schaffte es sie dann doch, ihre Abscheu zu überwinden. Sonst hätte der Verlag statt 80 000 Exemplare des Buches bestimmt nur 79 994 verkauft.
Ein anderer Rezensent fand den Namen nicht blöd, sondern verstand ihn als Aufforderung, zum Psychologen zu mutieren. Der Leser ahnt es: Es ging ums Löcken, wider den Stachel natürlich. Wer Stachelmann heißt, der kann nur dagegen sein, gegen was auch immer.

Diese These ist ein schönes Beispiel dafür, wie einen eine Idee sosehr begeistern kann, dass man gar nicht mehr darauf achtet, ob sie auch stimmt. Denn Josef Maria Stachelmann ist dieses und jenes, nur ein Widerständler ist er nicht. Er verwickelt sich, er ist neugierig, und beides – mal das eine mehr als das andere – bringt ihn in die Bredouille. Um da heraus zu kommen, muss er Rätsel lösen, Kriminalfälle, die mit Geschichte zu tun haben, die eben nicht vergangen ist. Wenn sie nicht aufgeklärt und geahndet werden, gebären alte Verbrechen neue Verbrechen. Und der Historiker Josef Maria Stachelmann hat das Pech, viel zu oft mit beidem zu tun zu bekommen.

Der Name ist wirklich bescheuert. Und dann auch noch Josef Maria. Als vor vielen Jahren, keine Zeile war geschrieben, eine geschätzte Kollegin im Verlag mich fragte: »Wie heißt denn nun dein Held?« und ich unbedacht die Wahrheit sagte, stieß sie einen Schrei aus, der mich fast taub gemacht hätte. »Das ist nicht dein Ernst!«
Doch, das war mein Ernst. Und es scheiterten alle Versuche, mich zum eigenen Nutzen eines Besseren zu belehren. Denn Stachelmann ist zwar eigensinnig, aber sein Autor ist noch eigensinniger. Je lauter der Protest (zeitweise plagte mich der Gedanke, ich könnte wegen der Namengebung Schuld sein am Untergang des Verlags, was, ich gestehe es, mich keineswegs zum Wanken brachte), desto fester meine Überzeugung, dass Josef Maria um jeden Preis Stachelmann heißen müsse und Stachelmann um jeden Preis Josef Maria.

Inzwischen habe ich herausgefunden, dass der Name einmalig ist. Erstaunlicherweise gibt es keinen Stachelmann, wenigstens nicht in Telefonbüchern oder im Internet. Nur diesen einen, der in Büchern Verbrechen aufklärt, mehr gegen seinen Willen.
Peinlicherweise weiß ich nicht mehr so genau, wie ich auf diesen Namen gekommen bin. Ich weiß nur noch, dass ich in meiner Wohnung herumgetigert bin, gar nicht wegen der Namensuche, sondern weil ich mich leichtsinnigerweise darauf eingelassen hatte, einen Krimi zu schreiben. Ich wusste nur: Es sollte um Arisierung gehen, die Ausplünderung der Juden durch die Volksgenossen im Dritten Reich, und der Held sollte ein Historiker sein wie sein Autor. Originell! Aber wie der Plot gestrickt sein sollte, wie diese Geschichte als Krimi funktionieren könnte, das wollte mir nicht einfallen.

Auf einem dieser teppichruinierenden Verzweiflungsmärsche kam dann der Name über mich. Erst Stachelmann, dann der nicht weniger verheerende Rest. Mehr weiß ich nicht mehr.
Was für einer das war, wie er aussah, welche Macken er hatte, welche Vorlieben und welche Abneigungen: keine Ahnung. Beim Schreiben erstand Stachelmann ganz von allein. Mein Anteil an seinem Werden ist verschwindend gering. Er hat sich gewissermaßen selbst erschaffen. Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, ihm etwa ein Sexualleben zu verordnen, das irgendwo zwischen absurd und katastrophal anzusiedeln ist. Von mir hat er das nicht. Wie auch vieles andere.

Das aber hindert manche freundlichen Journalistenkollegen nicht daran, mich mit »Herr Dr. Stachelmann« anzureden. Oder gar zu vermuten, ich hätte im zarten Alter von fünfzig Jahren begonnen meine Autobiografie zu schreiben. Ein bisschen romanhaft, aber das haben ja andere auch schon getan. Ich dementiere das und vorsorglich gleich auch alles, was den Leuten noch einfällt, um meinen Büchern autobiografische Züge anzudichten.

Herr Stachelmann hat das Glück, dass eine so schöne wie kluge Frau (mit weiteren Vorzügen) sich für ihn interessiert, und das Pech, damit nichts anfangen zu können. Er kann sich nicht vorstellen, dass Anne ihn liebt, weil er sich selbst nicht liebt. So habe ich zumindest die einschlägigen Szenen im ersten Fall _(Mann ohne Makel)_verstanden. Im dritten Band (Schatten des Wahns)- ich überspringe wegen der diesbezüglichen Ereignislosigkeit den zweiten Fall (Mit Blindheit geschlagen)- muss es Sex gegeben haben zwischen den beiden. Und nicht nur zwischen diesen beiden! Ärgerlicherweise aber lässt uns Stachelmann nicht daran teilnehmen.

Was Stachelmann vielleicht am meisten auszeichnet, ist seine Paranoia. Die auch dadurch nicht weniger verrückt wird, dass er manchmal tatsächlich verfolgt wird. Im dritten Band (Schatten des Wahns) wird die Paranoia noch schlimmer, und ich fürchte, irgendwann landet er in der Klapsmühle. Aber vorher muss er noch ein paar Fälle lösen. Fürchte ich, der ja die Aufgabe hat, von Stachelmanns Abenteuern zu berichten. Warum, weiß ich nicht mehr so genau.

© Christian von Ditfurth. Alle Rechte vorbehalten.

Im April 2009 erschien Stachelmanns fünfter Fall Labyrinth des Zorns

 

Buchcover:

Labyrinth des Zorns

Christian v. Ditfurth

Buchcover:

Lüge eines Lebens

Christian v. Ditfurth

Buchcover:

Schatten des Wahns

Christian v. Ditfurth

Buchcover:

Mit Blindheit geschlagen

Christian v. Ditfurth

Buchcover:

Mann ohne Makel

Christian v. Ditfurth


Bestseller

Platz 1 Spiegel-Bestsellerliste Taschenbuch

Buchcover: Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung?

Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung?

Martin Doerry, Markus Verbeet

mehr

Platz 3 Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch

Buchcover: Tiere essen

Tiere essen

Jonathan Safran Foer

mehr

Platz 7 Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch

Buchcover: Achtung Baby!

Achtung Baby!

Michael Mittermeier

mehr

Newsletter

Der KiWi-Newsletter informiert Sie über Neuigkeiten und Termine - regelmäßig und aus erster Hand.
Zum Abo